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Theseustempel im Volksgarten: Wo ist Canovas Theseus geblieben?

Am 29. Oktober 1890 stürzt Canovas Theseus im Volksgarten in einen verborgenen Schacht und verliert seinen Arm. Die Geschichte des Theseustempels, der für eine einzige Statue gebaut wurde.

Theseustempel im Volksgarten: Wo ist Canovas Theseus geblieben?
August Stauda, Volksgarten – Theseustempel – Innenansicht – Theseusgruppe von Antonio Canova, vor 1890, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Am Mittwoch, dem 29. Oktober 1890, hatten sich im Volksgarten sehr viele Neugierige versammelt. Sie sahen zu, wie Arbeiter unter der Leitung des Hof-Steinmetzmeisters Sederl einen Helden aus Marmor verluden: den Theseus des Bildhauers Antonio Canova, mehr als 6000 Kilogramm schwer. Den Kentauren, den er besiegt, hatte man zwei Tage zuvor schon abtransportiert. Dann gab der Boden nach. Der Wagen geriet auf einen Schacht, dessen morsche Balkendecke unter Kies und Erde verborgen lag, und Wagen und Statue stürzten. Theseus fiel aufs Gesicht, der rechte Arm mit der erhobenen Keule brach am Oberarm ab. So berichteten es am nächsten Tag das „Neue Wiener Tagblatt“ und die „Neue Freie Presse“.

Wo der Theseus heute steht

Wo ist Canovas Theseus heute? Nicht im Theseustempel, für den er nach Wien gekommen war. Die Gruppe sollte in das neue Kunsthistorische Hofmuseum an der Ringstraße übersiedeln, das ein Jahr später eröffnete. Dort steht sie bis heute, auf dem Zwischenpodest der Hauptstiege des Kunsthistorischen Museums. Der Bruch, tröstete das Tagblatt seine Leser, sei glatt und ohne Splitter, die Wiederherstellung werde vollständig sein. Zurück blieb ein Tempel ohne den Helden, nach dem er heißt.

Ein Sieg, der die Seiten wechselte

Begonnen hatte die Geschichte mit Napoleon. Er hatte die Gruppe bei Canova in Auftrag gegeben, in Mailand sollte sie an seinen Sieg über Österreich bei Marengo im Jahr 1800 erinnern. Die Ausführung in Marmor datiert das Kunsthistorische Museum auf 1810 bis 1819. Als sie fertig war, war Napoleon längst besiegt, und sein früherer Gegner Kaiser Franz I. übernahm das Werk. 1819 besuchte der Kaiser Canova in dessen Atelier in Rom. Der Bildhauer regte an, der Gruppe in Wien einen eigenen Tempel zu bauen. So wurde aus dem Denkmal für einen französischen Sieg eines für den Sieg über Napoleon.

Auch der Bauplatz hatte mit Napoleon zu tun. 1809 sprengten die Franzosen vor ihrem Abzug aus Wien die Befestigungen vor der Hofburg, darunter die Burgbastei. Auf dem Gelände entstand ab 1821 der Volksgarten, und in seiner Mitte baute der Hofarchitekt Peter von Nobile den Tempel, eine verkleinerte Nachbildung des Theseions in Athen, rundum von dorischen Säulen umgeben. Von Nobile stammt auch das Äußere Burgtor, ebenfalls ein Denkmal für den Sieg über Napoleon.

Jakob Alt, Der Theseustempel im Volksgarten, um 1822
Jakob Alt, I. Volksgarten. Der Theseustempel, um 1822. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

1822 traf die Gruppe in Wien ein. Canova starb im selben Jahr in Venedig, den fertigen Tempel hat er nie gesehen. Am 1. Mai 1823 wurde der Volksgarten für das Publikum geöffnet. Im Sommer beschrieb die „Wiener Zeitschrift“, wie die Alleen zum Theseus-Tempel führen, und lobte die Gruppe darin als einen der herrlichsten Kunstgenüsse. Unter dem Tempel, im alten Burggraben, lagen Katakomben mit Skulpturen aus der kaiserlichen Antikensammlung. Sie waren zu feucht, 1841 räumte man sie wieder.

Siebzig Jahre Theseus im Volksgarten

Fast siebzig Jahre stand Theseus in seinem Tempel. Dann wurde an der Ringstraße das Kunsthistorische Hofmuseum fertig, und die Gruppe sollte, so die „Neue Freie Presse“, auf dem mittleren Absatz seiner großen Stiege stehen. Ende September 1890 zerlegte man sie in die zwei Blöcke, aus denen Canova sie zusammengesetzt hatte. Im Ganzen hätte sie nicht durch die Tür des Tempels gepasst.

Das „Neue Wiener Tagblatt“ fürchtete nun um den leeren Tempel. Anfang Oktober berichtete es von Plänen, ihn abzureißen, und warnte, die Stadt verliere damit eine Art Wahrzeichen. Ein alter Wiener schrieb dem Blatt, der Tempel sei bei Einheimischen und Fremden so beliebt, dass man ihn neben dem Stephansturm nennen könne.

Kunsthistorisches Museum, Stiegenhaus mit der Theseusgruppe von Antonio Canova, Fotografie um 1890
Kunsthistorisches Museum, Stiegenhaus mit der Theseusgruppe von Antonio Canova, um 1890. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Ein Kunstwerk pro Jahr

Der Tempel blieb stehen. Ab 1901 zeigte man darin vorübergehend Funde aus Ephesos, von 1921 bis 1938 stellte hier regelmäßig die Vereinigung Donauländischer Künstler aus. Ab 1940 sollte er nach Plänen von Hanns Dustmann in die Mittelachse des Heldenplatzes wandern, auf einen rund zehn Meter hohen Unterbau nach dem Vorbild der Walhalla bei Donaustauf. Gebaut wurde das nie. Von 2008 bis 2010 wurde der Tempel renoviert und bekam seinen ursprünglichen reinweißen Farbton zurück.

Im April 2012 eröffnete ihn das Kunsthistorische Museum neu, mit einer Arbeit von Ugo Rondinone. Seither zeigen das KHM und das Weltmuseum Wien hier jedes Jahr ein einzelnes Werk zeitgenössischer Kunst, zu sehen waren unter anderem Arbeiten von Edmund de Waal, Ron Mueck und Maurizio Cattelan. Damit ist der Tempel wieder bei seiner ersten Idee angekommen. Er wurde für ein einziges Werk eines lebenden Bildhauers gebaut. Als Kaiser Franz 1819 in Canovas Atelier stand, war die Theseusgruppe zeitgenössische Kunst.

Den Helden selbst findet man jenseits der Ringstraße, dort, wohin ihn der Wagen 1890 durch das Gittertor des Volksgartens und über den Ring brachte: im Stiegenhaus des Museums. Über ihm hat die Künstler-Compagnie von Gustav Klimt, seinem Bruder Ernst und Franz Matsch kurz darauf die Zwickelbilder gemalt (mehr dazu in Gustav Klimt in Wien). Seit mehr als 130 Jahren kämpft Theseus dort gegen den Kentauren. Sein Tempel hat gelernt, ohne ihn auszukommen: Jedes Jahr zieht dort ein neuer Gast ein.

Der Theseustempel ist während der jährlichen Präsentation geöffnet, der Eintritt ist frei. Was gerade gezeigt wird, steht auf khm.at. Canovas Theseusgruppe steht im Stiegenhaus des Kunsthistorischen Museums am Maria-Theresien-Platz.

Theseustempel · Volksgarten, 1010 Wien