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Favoriten, 10. Bezirk

Wasserturm Favoriten: Warum am Wienerberg eine Burg für das Wasser steht

Am 3. August 1899 setzte Bürgermeister Lueger am Wienerberg die Pumpen in Gang: Der Wasserturm Favoriten sollte die höchsten Straßen von Favoriten und Meidling mit Wasser versorgen. Regelmäßig gebraucht wurde er dafür nur elf Jahre.

Wasserturm Favoriten: Warum am Wienerberg eine Burg für das Wasser steht
Friedrich Strauß, Städtisches Wasserwerk, Wasserturm, 28. Juli 1899, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Am Vormittag des 3. August 1899, einem Donnerstag, fährt ein langer Wagenzug vom Rathaus hinaus nach Favoriten. Darin sitzen Bürgermeister Karl Lueger und zahlreiche Gemeinderäte. Am Wienerberg empfängt ihn das Publikum mit Hochrufen. Am Eingang des Kessel- und Maschinenhauses hält er eine Ansprache, Stadtbaudirektor Berger erklärt die Anlage, dann setzt Lueger die Maschine in Gang. Von nun an pumpt sie Wasser in den neuen Turm daneben. So berichtete es am Sonntag darauf das Welt Blatt.

Der Turm, um den es ging, ist der Wasserturm Favoriten. Er steht auf dem höchsten Punkt des Wienerbergs, ist samt Wetterstange 67 Meter hoch und sollte die hoch gelegenen Teile von Favoriten und Meidling mit Trinkwasser versorgen. Wer ihn aus einem vorbeifahrenden Zug der Südbahn sehe, schrieb die Wiener Montags-Post, komme kaum auf die Idee, dass dieser glitzernde Turm mit gotischem Ziegeldach und Aussichtswarte ein Wasserbehälter sei. Warum baute die Stadt ihrem Wasser einen Turm, der wie eine Burg aussieht? Und warum steht er heute noch, obwohl er schon elf Jahre nach der Eröffnung kaum mehr gebraucht wurde?

Zu wenig Druck am Wienerberg

Das Wasser für Favoriten kam aus den Bergen. Seit 1873 führt die Erste Hochquellenleitung Quellwasser aus dem Gebiet um Rax und Schneeberg nach Wien, ganz ohne Pumpen, nur mit dem Gefälle (wie es in die Stadt kam, erzählt unser Text zum Hochstrahlbrunnen). Die Leitung endet in großen Behältern am Stadtrand. Einer davon liegt am Wienerberg, er wurde am 19. September 1873 zum ersten Mal gefüllt. Von dort fließt das Wasser mit seinem eigenen Druck weiter in die Häuser.

Dieser Druck hat eine Grenze: Wasser, das nur durch sein Gefälle fließt, kommt nicht höher hinauf als bis zur Höhe seines Behälters. Häuser, die deutlich tiefer liegen, bekommen genug Wasser, Häuser auf Höhe des Behälters kaum etwas. Die höchsten Teile von Favoriten und Meidling lagen für den Behälter am Wienerberg zu hoch. Deshalb begann die Stadt am 23. März 1898 mit dem Bau eines Wasserhebewerks: Dampfgetriebene Pumpen heben das Wasser aus dem Behälter in einen Tank im Turm, dessen Wasserspiegel 33 Meter über dem des alten Behälters liegt. Von dort oben fließt es wieder ganz von selbst, jetzt mit genug Druck für die höchsten Straßen des 10. und 12. Bezirks.

Tafel aus dem Wiener Bauten-Album zum Wasserturm Favoriten
Der Wasserturm im Wiener Bauten-Album, Blatt 75, Beilage zur Wiener Bauindustrie-Zeitung, 1899/1900. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Ein Wasserbehälter im Burgkostüm

Die Pläne kamen aus dem Stadtbauamt, die Bauleitung hatte der städtische Bauinspektor Franz Borkowitz. Das Herzstück ist unsichtbar: ein Behälter aus Stahlblech für rund 1.000 Kubikmeter Wasser, gebaut von der Maschinenfabrik Komarek. Er ruht in 25 Metern Höhe auf einem gemauerten Zylinder. An der Innenwand führt eine 203 Meter lange Rampe in einer Spirale hinauf, von dort gehen Treppen weiter zur Aussichtsgalerie in 48 Metern Höhe.

Außen aber zeigt der Turm nichts von Rohren und Pumpen. Sein Dach trägt Ornamente aus glasierten Ziegeln, und der ganze Turm sieht aus wie eine romantische Burg. Das Dehio-Handbuch der Kunstdenkmäler nennt ihn ein bemerkenswertes Beispiel für einen technischen Bau, den erst seine aufwendige Hülle monumental macht. Weil der Wienerberg selbst so hoch ist, reicht die Spitze fast an die Höhe des Stephansdoms heran. Die Montags-Post scherzte, von hier aus könne man glatt den Turmwächter von St. Stephan mit Wasser versorgen.

Lueger lobte bei der Eröffnung genau diese Verbindung: Mit diesem Werk sei das Nützliche mit dem Schönen verbunden worden. Der Turm, so gab das Welt Blatt seine Rede wieder, werde wegen seiner großartigen Aussicht bald ein Ziel für Naturfreunde sein.

Elf Jahre im Dienst

Das Nützliche hielt nicht lange. Am 2. Dezember 1910 eröffnete Kaiser Franz Joseph die Zweite Hochquellenleitung. Sie bringt Wasser aus dem Hochschwabgebiet in der Steiermark nach Wien und sollte bei Mauer am Lainzer Tiergarten 81 Meter höher ankommen als die erste Leitung. Wasser, das so hoch in die Stadt kommt, erreicht auch hoch gelegene Viertel allein mit seinem Gefälle. Für die höchsten Straßen von Favoriten und Meidling brauchte man die Dampfpumpen am Wienerberg nicht mehr.

Abgerissen wurde der Turm trotzdem nicht. Er blieb als Reserve und lief nur noch fallweise, etwa wenn die Hochquellenleitung für Arbeiten trockengelegt werden musste. Ab 1956 diente er gar nicht mehr der Wasserversorgung. Von 1988 bis 1990 ließen die Wiener Wasserwerke ihn um 15 Millionen Schilling generalsanieren. Dabei wurden auch die Ornamente auf dem Dach rekonstruiert, glasierte Ziegel in fünf Farben. Heute steht der Turm unter Denkmalschutz.

Ansichtskarte des Wasserturms Favoriten von 1912
Paul Ledermann, Wasserturm in Favoriten, Ansichtskarte, 1912. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Was vom Schönen blieb

Heute finden im Turm Ausstellungen und Veranstaltungen statt, die meist mit Wasser zu tun haben, vor allem im Frühling und im Herbst. Was dort gerade läuft, steht in unserem Ausstellungskalender. Ein Beispiel: „Das Meer in mir bewegt Träume“ von Martina Onyegbula, 9. bis 15. November 2026. Bei kostenlosen Führungen nach Anmeldung geht es die Rampe hinauf. Seit 2011 liegt rund um den Turm der Wasserspielplatz Wasserturm, rund 15.000 Quadratmeter groß, von Mai bis September geöffnet. Unter der Wiese verbirgt sich der Wasserbehälter Wienerberg, aus dem schon 1899 die Pumpen schöpften (2010 wurde er erneuert), gleich neben dem Eingang steht die gotische Säule der Spinnerin am Kreuz.

Lueger hat also recht behalten, nur anders, als er dachte. Regelmäßig liefen seine Pumpen nur elf Jahre lang, dann übernahm die Zweite Hochquellenleitung ihre Arbeit. Das Schöne, das er 1899 neben dem Nützlichen pries, trägt den Turm bis heute: Wo früher 1.000 Kubikmeter Trinkwasser hoch über Favoriten hingen, schauen heute bei Führungen Besucherinnen und Besucher über die Stadt, und unten spielen Kinder im Wasser.

Wasserturm Favoriten, Windtenstraße 3, 1100 Wien