Am Abend des 25. Mai 1869, einem Dienstag, hob sich im neuen Opernhaus an der Ringstraße zum ersten Mal der Vorhang. Kaiser Franz Joseph war mit den Mitgliedern des Kaiserhauses gekommen, das Publikum stand auf und brachte ein Hoch auf ihn aus. Die Bühne zeigte das ehemalige Kärntnertor, ein Stadttor, das mit der alten Stadtmauer verschwunden war. Davor stand die Burgschauspielerin Charlotte Wolter im Kostüm der Vindobona, der Stadtgöttin Wiens, und sprach einen Prolog von Hofoperndirektor Franz von Dingelstedt. Mitten darin wandte sie sich an zwei Männer, die nicht im Saal saßen: an die Geister der Architekten Eduard van der Nüll und August Sicard von Sicardsburg. Sie mögen, rief Wolter mit bewegter Stimme, „die späte Sühne nicht für manches Unrecht, was man Euch angethan“ verschmähen. Danach begann Mozarts „Don Juan“, wie man den „Don Giovanni“ damals nannte.
An diesem Abend wurde die Wiener Staatsoper eröffnet, die damals noch Hofoper hieß. Ihre beiden Architekten erlebten es nicht mehr: Van der Nüll war im April 1868 gestorben, Sicardsburg knapp zehn Wochen nach ihm. Zu Ende gebaut hatten das Haus die Architekten Gustav Gugitz und Josef Storck; zur Eröffnung bekamen sie einen Orden. Warum aber bat ein Festprolog die Toten um Verzeihung?

Zwei Freunde und ein Haus, das zu tief stand
Van der Nüll und Sicardsburg kannten sich seit dem Studium. Von 1839 bis 1843 reisten sie gemeinsam durch Italien, Frankreich und Deutschland, danach arbeiteten sie als Büro zu zweit: Sicardsburg kümmerte sich um Konstruktion und Organisation, van der Nüll um Form und Schmuck. 1861 gewannen sie den Wettbewerb für das neue Opernhaus, am 20. Mai 1863 wurde der Grundstein gelegt. Es war das erste öffentliche Gebäude an der Ringstraße, die nach dem Abriss der Stadtmauer entstand.
Dann wurde vor der Oper das Straßenniveau um etwa einen Meter angehoben. Das Haus wirkte dadurch, als sei es eingesunken, seine Proportionen stimmten nicht mehr. Und gegenüber stand der Heinrichshof, ein riesiges privates Miethaus, neben dem die Oper gedrungen wirkte. Die Wiener spotteten über die „versunkene Kiste“. Andere nannten die Oper das „Königgrätz der Baukunst“, nach der Schlacht, die Österreich 1866 gegen Preußen verloren hatte: Die Oper, sollte das heißen, war ein Debakel. Auch Kaiser Franz Joseph soll sich abfällig über den Bau geäußert haben.

Zwei Todesfälle im Frühjahr 1868
Am 3. April 1868 nahm sich Eduard van der Nüll das Leben. Er hatte lange zurückgezogen gelebt und erst ein Jahr zuvor geheiratet; seine Frau Marie war im achten Monat schwanger. Das Neue Wiener Tagblatt schrieb am nächsten Tag von den „Angriffen kleinlicher Seelen“, die auf ihn eingestürmt seien. So wurde sein Tod lange erklärt: Die Kritik an der Oper habe ihn in den Tod getrieben. Ganz so einfach war es wohl nicht. Van der Nüll war zu dieser Zeit schwer krank und litt an Depressionen; andere Darstellungen halten die Krankheit für den wahrscheinlicheren Grund seines Todes.
Sein Partner überlebte ihn nur kurz. August Sicard von Sicardsburg war seit Monaten an Tuberkulose erkrankt und konnte kaum noch arbeiten. Er starb am 11. Juni 1868 in Weidling bei Wien. Ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof bekam van der Nüll erst 1889, als man ihn dorthin umbettete.

„Die Oper brennt“
Die „versunkene Kiste“ wurde trotzdem zum Mittelpunkt des Wiener Musiklebens, 76 Jahre lang. Dann, am Montag, dem 12. März 1945, trafen Bomben das Haus, und es fing Feuer. „Die Oper brennt“, meldete das Neue Wiener Tagblatt am nächsten Tag. Zehn Jahre später erinnerte die Wiener Zeitung an die Menschen, die „eine Nacht, einen Tag und eine zweite lange Nacht“ vor dem brennenden Gebäude gestanden hatten.
Zuschauerraum und Bühne waren verloren, mit ihnen fast alle Kulissen, Requisiten und Kostüme, der Bühnenvorhang und die Deckenbilder von Carl Rahl. Erhalten blieb der Teil an der Ringstraße: die Eingangshalle, die große Haupttreppe, der Teesalon, das Foyer und die Loggia, beide mit Wandbildern nach Entwürfen von Moritz von Schwind. Die 14 Bilder im Foyer zeigen Szenen aus Opern und Musikwerken, die 1869 als Säulen des Repertoires galten, eines davon aus Beethovens „Fidelio“. Ausgerechnet die Front zum Ring, über die man als „versunken“ gespottet hatte, stand also noch.

Fidelio hinter der alten Fassade
Das Ensemble spielte zehn Jahre lang in Ausweichquartieren: ab 1. Mai 1945 in der Volksoper, ab 6. Oktober 1945 zusätzlich im Theater an der Wien. Dass das Haus am Ring wieder aufgebaut werden sollte, kündigte Staatssekretär Julius Raab schon am 24. Mai 1945 an. Den neuen Zuschauerraum, die Stiegen zwischen den Rängen und die Pausenräume entwarf der Architekt Erich Boltenstern im Stil der 1950er-Jahre. Er baute das Verlorene also nicht nach, sondern gab dem Haus ein neues Inneres.
Am Samstag, dem 5. November 1955, wurde die Staatsoper mit Beethovens „Fidelio“ wiedereröffnet. Am Pult stand Karl Böhm, der schon in der NS-Zeit Direktor gewesen war und nun die wiederaufgebaute Oper leitete. „Fidelio“ erzählt, wie eine Frau ihren Mann aus dem Kerker befreit, in dem ihn ein Gegner heimlich gefangen hält. Österreich selbst war erst seit dem 25. Oktober 1955 wieder ganz frei: An diesem Tag endete, wie im Staatsvertrag vom Mai vereinbart, die Besatzungszeit. Der Abend mit der Oper über ungerechte Herrschaft und Befreiung wurde zum Symbol des neuen Österreich. Wer keine Karte hatte, hörte über Lautsprecher mit. Radiosender in aller Welt und das noch junge österreichische Fernsehen übertrugen den Abend live; weil kaum jemand einen Fernsehapparat besaß, schauten viele in Sälen und Gasthäusern zu.
Wer an diesem Abend in die Oper ging, stieg die große Treppe hinauf, die van der Nüll und Sicardsburg entworfen hatten. Im Foyer waren noch Schwinds Wandbilder zu sehen, darunter das zum „Fidelio“, der nun auf der Bühne stand. Eine Eröffnung ihres Hauses haben die beiden Architekten nie erlebt, weder 1869 noch 1955. Aber beide Male gingen die Gäste durch ihre Eingangshalle.
Die Staatsoper besuchen
Wer das Haus ohne Vorstellung sehen will, kann an einer Führung teilnehmen. Sie geht vom Foyer über die Haupttreppe und durch die Prunkräume bis in den Zuschauerraum, also von dem Teil, der 1945 stehen blieb, bis in Boltensterns Saal von 1955. Die Standardführung dauert etwa 40 Minuten und wird in mehreren Sprachen angeboten; Karten gibt es online im Ticketshop der Staatsoper, Restplätze ab 30 Minuten vor Beginn vor Ort. Von anderen Großbauten der Ringstraßenzeit erzählen das Rathaus, die Votivkirche und das unvollendete Kaiserforum am Heldenplatz. Ansichten und Pläne der Oper aus dem 19. Jahrhundert bewahrt das Wien Museum.
Wiener Staatsoper, Opernring 2, 1010 Wien
Quellen und Links
Quellen
- Fremden-Blatt, 26. Mai 1869, S. 5: Bericht über die Eröffnung, Prolog von Dingelstedt, gesprochen von Charlotte Wolter (ANNO)
- Die Presse, 26. Mai 1869, S. 15: Vindobona beschwört die Manen der Architekten (ANNO)
- Neue Freie Presse, 26. Mai 1869, S. 10: Eröffnung, Orden für Gugitz und Storck (ANNO)
- Neues Wiener Tagblatt, 4. April 1868, S. 1–2: Nachruf auf Eduard van der Nüll (ANNO)
- Neues Wiener Tagblatt, 13. März 1945, S. 2: „Die Oper brennt“ (ANNO)
- Wiener Zeitung, 6. November 1955, S. 2: Wiedereröffnung, Rückblick auf den Brand 1945 (ANNO)
- Wien Geschichte Wiki: Staatsoper (Gebäude)
- Wien Geschichte Wiki: Eduard van der Nüll
- Wien Geschichte Wiki: August Sicard von Sicardsburg
- Wikipedia: Eduard van der Nüll
- Wikipedia: Wiener Staatsoper
- Wiener Staatsoper: Wartime & Redesign
- Wiener Staatsoper: Destroyed and rebuilt. 80 years after the bombs
- Wiener Staatsoper: Painterly Design (Schwind-Foyer)
- Beethoven-Haus Bonn: Moritz von Schwind und Ludwig van Beethoven
- Wien Geschichte Wiki: Staatsvertrag
- Wiener Staatsoper: Führungen
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