Am 21. Oktober 1882, um drei Uhr nachmittags, stieg Friedrich Schmidt auf das Gerüst des großen Rathausturms. Auf der obersten Etage stand ein Standartenträger aus getriebenem Kupfer bereit, am Vortag war er noch auf einem Podest vor dem Rathaus zu sehen gewesen. Oben warteten die Architekten, Baumeister und Poliere, die am Bau mitgearbeitet hatten. Schmidt brachte drei Toaste aus, auf den Kaiser, das Land und die Stadt, jeden kündigten Fanfaren an. Unten im großen Hof spielte eine Militärkapelle, beim dritten Toast „An der blauen Donau“. Dann wurde die Figur in die Turmspitze gesetzt und mit Blei vergossen. Als Architekt Neumann ihm im Namen der Bauleute dankte, war Schmidt, so schrieb die Morgen-Post, „zu Thränen gerührt“.
Seit diesem Nachmittag steht der Rathausmann auf dem Wiener Rathaus. Die Figur selbst ist 3,40 Meter groß, mit ihrer Standarte 5,4 Meter, und wiegt 1,8 Tonnen. Gestiftet hat sie der Schlossermeister Ludwig Wilhelm, das Modell stammte von Franz Gastell, getrieben hat sie der Kunstschlosser Alexander Nehr in Wilhelms Werkstatt. Ihre drei Namen sind am Standartenträger eingraviert, berichtete die Morgen-Post. Und der Rathausmann hat eine Eigenheit, die ausgerechnet mit dem Kaiser zu tun hat, dem Schmidts erster Toast galt.
Das Communalloch und ein überraschendes Ja
Dass das Rathaus überhaupt hier steht, war eine Überraschung. Für ein neues Rathaus schrieb Wien 1868 einen Wettbewerb aus. Am 12. Oktober 1869 entschied sich die Jury für den Entwurf von Friedrich Schmidt, eingereicht unter dem Motto „Saxa loquuntur“, die Steine sprechen. Zunächst war ein Grundstück gegenüber dem Stadtpark im Gespräch, wo Schmidt das Rathaus auch lieber gesehen hätte. Weil der Bau nicht begann, nannten die Wiener die Baulücke dort im Volksmund das „Communalloch“.
Bürgermeister Cajetan Felder wollte einen eindrucksvolleren Platz: den Paradeplatz auf dem Josefstädter Glacis, wo bis dahin das Militär exerzierte. Am 18. März 1870 stimmte der Gemeinderat zu, Rathaus, Reichsratsgebäude und Universität dort zu bauen. Offenbar rechneten die Gemeinderäte damit, dass der Kaiser ohnehin Nein sagen würde. Franz Joseph sagte am 11. Juni Ja. In der Gemeinderatssitzung drei Tage später kam es zum Tumult.

Ein Steinmetz aus Köln
Schmidt war 1825 in Württemberg zur Welt gekommen und hatte als Steinmetz in der Kölner Dombauhütte angefangen, wo er bis zum Werkmeister aufstieg. Seit 1862 war er Dombaumeister von St. Stephan, den Stephansdom restaurierte er bis zu seinem Tod. 1872 begannen die Arbeiten am Rathaus, am 14. Juni 1873 wurde der Grundstein im Fundament des Turms gelegt. Verbaut wurden nach einer Aufstellung der Wiener Zeitung von 1882 rund 30 Millionen Ziegel. Am Ende hatte das Haus sieben Höfe und 1.575 Räume, gekostet hatte es etwa 14 Millionen Gulden.
Für den Turm gab es eine Vorgabe: Auf Wunsch des Kaisers durfte er die Türme der Votivkirche nicht überragen, die wenige hundert Meter entfernt stehen. Die Kirche war als Dank dafür gebaut worden, dass Franz Joseph 1853 ein Attentat überlebt hatte, ihre Türme sind 99 Meter hoch. Schmidt plante den Rathausturm mit 98 Metern.
Der Schlussstein am Jahrestag
Am 12. September 1883, genau 200 Jahre nach der Schlacht am Kahlenberg, war das Rathaus fertig. Der Kaiser kam zur Schlusssteinlegung. Schmidt bat, ihm seine Schüler und Mitarbeiter vorstellen zu dürfen, und erklärte, er habe den Bau „mit diesen selbsterzogenen Kräften“ vollendet. Am selben Tag eröffnete Franz Joseph im Rathaus die Historische Ausstellung der Stadt, zu der auch der angebliche Schädel des Großwesirs Kara Mustafa gehörte. Offiziell hieß das Haus bis 1960 „Neues Rathaus“.
Im ersten Stock liegt der Festsaal, 71 Meter lang und 20 Meter breit. Er gilt als größter historischer Saal Österreichs, und Schmidt wollte vermeiden, dass er wie eine Kirche wirkt. Der bedeutendste der sieben Höfe ist der Arkadenhof, in dem am Tag der Gleichenfeier die Militärkapelle gespielt hatte. Am 12. Juli 1952 begannen dort die Arkadenhofkonzerte. Im Zweiten Weltkrieg trafen Bomben das Rathaus schwer, die Front zur Felderstraße wurde zerstört. Mitte der 1950er-Jahre war der Bau außen weitgehend wiederhergestellt.

Ein Meter Abstand
Schmidt starb 1891, der Platz hinter dem Rathaus trägt heute seinen Namen. Sein Rathausmann wurde 1985 bei der Turmrestaurierung abgenommen, in einer Werkstätte der Wiener Gaswerke restauriert und am 22. September 1985 wieder auf die Spitze gesetzt. Eine Kopie steht im südlichen Teil des Rathausparks, wo man ihn aus der Nähe sehen kann.
Der Turm selbst hielt sich an die Vorgabe des Kaisers: 98 Meter, einen Meter unter der Votivkirche. Erst mit dem Rathausmann und seinem Sockel kommt er auf 103,3 Meter. Schmidts erster Toast vom Turm galt am 21. Oktober 1882 dem Kaiser. Und am selben Nachmittag kam die Figur auf die Spitze, die den Rathausturm über die Votivkirche hinauswachsen ließ.
Das Wiener Rathaus ist Amtssitz des Bürgermeisters und Tagungsort von Gemeinderat und Landtag. Im Haus sitzt auch die Wienbibliothek im Rathaus. Die Stadt Wien bietet kostenlose Führungen auf Deutsch an, derzeit montags, mittwochs und freitags um 13 Uhr, mit Online-Anmeldung auf der Website der Stadt. Treffpunkt ist die Stadtinformation am Friedrich-Schmidt-Platz 1. An Sitzungstagen, Feiertagen und bei Großveranstaltungen entfallen sie. Im Advent steht auf dem Rathausplatz der Christkindlmarkt.
Wiener Rathaus · Rathausplatz 1, 1010 Wien
Quellen und Links
- Wien Geschichte Wiki: Rathaus
- Wien Geschichte Wiki: Rathausmann
- Wien Geschichte Wiki: Friedrich von Schmidt
- Wikipedia: Wiener Rathaus
- wien.info: Rathausführungen
- Wiener Zeitung, 21. Oktober 1882: Das Gleichenfest im neuen Rathhause (ANNO)
- Wiener Zeitung, 21. Oktober 1882: Zahlen zum Bau des Rathauses (ANNO)
- Morgen-Post, 22. Oktober 1882: Aufstellung des Standartenträgers (ANNO)
- Neue Freie Presse, 13. September 1883: Schlusssteinlegung im Rathaus (ANNO)
- Kulturpool: Josef Löwy, Rathausmann vor der Montage mit Alexander Nehr
Mehr auf immuseum.at
- Die Votivkirche: Ein Dank für ein gescheitertes Attentat
- Der Stephansdom: Geschichte, Türme und die Pummerin
- Wo ist der Kopf von Kara Mustafa?
- Der Ringtheaterbrand 1881: Schmidts Sühnhaus
- Christkindlmarkt in Wien: Die Geschichte der Weihnachtsmärkte
- Franz Joseph I.: Sein Leben in 12 Bildern
- Wienbibliothek im Rathaus
- Sehenswürdigkeiten in Wien
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