Objekte
May 20, 2022
|
Albertina

Gemalt mit abgelaufenen Medikamenten: Für Amin II in der Albertina

Schwarz, Braun, ein Hauch Orangenduft: Das Gemälde Für Amin II von Monika Kus-Picco in der Albertina besteht aus pharmazeutischen Produkten – und erzählt vom Tod eines Kindes.

Gemalt mit abgelaufenen Medikamenten: Für Amin II in der Albertina
Monika Kus-Picco, Für Amin II, 2021, pharmazeutische Produkte auf Leinwand, Albertina, Wien · Foto: kus-picco.com

Wer davorsteht, möchte die Finger ausstrecken. Zwei mal drei Meter Leinwand, beherrscht von einer schwarzen Fläche, in die sich ein intensives Braun schiebt, das stellenweise ins Rötliche geht, dazu ein wenig Gelb. Die Oberfläche ist rau und verkrustet, eine kleine dreidimensionale Landschaft. Dazwischen liegen leere und nicht ganz aufgelöste Medikamentenkapseln, die die Fläche durchbrechen. Berühren geht natürlich nicht.

Für Amin II hängt im letzten Raum der Ausstellung Andy Warhol bis Cecily Brown, die in der Albertina Kunst aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart zeigt. Auf der Kurzinformation daneben steht nicht Öl auf Leinwand, sondern: pharmazeutische Produkte auf Leinwand.

Monika Kus-Picco, 1973 in Wien geboren, arbeitet seit 2018 mit diesem Material. Ihre Pigmente stellt sie aus abgelaufenen Medikamenten aus aller Welt her – arabischen, chinesischen, US-amerikanischen –, die ihr Freunde und Bekannte zukommen lassen. Sie zerkleinert und pulverisiert die Tabletten, verwendet sie trocken oder vermengt sie mit Wasser, Desinfektions- und Bindemitteln, dann schüttet, streut und verdünnt sie das Material über die grundierte Leinwand, die am Boden liegt. Pinsel kommen dabei nicht zum Einsatz, höchstens Spachteln. Die Kompositionen entstehen spontan und dynamisch.

Planbar ist das nur bedingt. Die chemischen Reaktionen lassen sich meist nicht vorhersehen, manche Substanzen entwickeln ihre endgültige Farbe oder Intensität erst Stunden nach dem Auftrag. Über die Zusammensetzung jedes einzelnen Bildes führt die Künstlerin deshalb Buch. Einige der Stoffe sind giftig, dann arbeitet sie mit Atemmaske und Handschuhen. Jede Leinwand ist ein neues Experiment, ein Erforschen ohne festgelegtes Ziel.

Vor dem Bild kommt ein Sinn ins Spiel, der im Museum sonst kaum gefragt ist: Die Medikamente geben einen Geruch ab. Hier schwingt ein Hauch von Orange mit, der vermutlich von Vitaminpräparaten stammt und bei manchen Besucher:innen Erinnerungen weckt.

Kus-Picco notiert nicht nur die Substanzen, sondern auch die Geschichten, die an ihnen hängen. Der Wandtext der Albertina hält fest, dass ihre Pigmente für sie „oftmals mit Personen und deren Geschichten, mit Tod und Leid oder auch Heilung verbunden“ sind. Für Amin II ist einem Schulfreund ihrer damals zwölfjährigen Tochter gewidmet, der im Dezember 2020 im St. Anna Kinderspital an Leukämie starb. Das Bild besteht vorwiegend aus jenen Mitteln, die er während der Behandlung seiner Krebserkrankung bekam: Chemotherapeutika, Antibiotika, Schmerzmittel und Multivitamin-Präparate.

Wandtext der Albertina neben dem Gemälde „Für Amin II“ von Monika Kus-Picco
Der Wandtext neben dem Bild nennt die Medikamente und den Anlass. Foto: Monika Kus-Picco, kus-picco.com

„Ohne die Geschichte würde man sich das gar nicht denken. Dann steht man davor, verliert sich darin – und verliert sich noch mehr in dieser Geschichte, weil man die Sachen entdeckt.“

So beschreibt es die Kunstvermittlerin, die durch die Ausstellung führt. Ob die Farbwahl Absicht war, bleibt offen: Das dominante Schwarz bricht das helle Orange und Gelb auf und stört, und Schwarz gilt als traurige Farbe. Vielleicht ist es aber auch Zufall, dass ausgerechnet jene Mittel, die einen Buben heilen sollten, diese Töne ergeben. Abgelaufen und für die Apotheke wertlos, bekommen sie hier eine neue Aufgabe – eine sinnliche und widersprüchliche Erfahrung, die dem Leben ziemlich nahekommt.

Das Gemälde „Für Amin II“ im letzten Raum der Ausstellung „Andy Warhol bis Cecily Brown“ in der Albertina
„Für Amin II“ (links) im letzten Raum der Ausstellung „Andy Warhol bis Cecily Brown“ in der Albertina. Foto: Monika Kus-Picco, kus-picco.com