Aus der Nähe zerfällt das Bild in lauter Ereignisse: pastos aufgetragenes Acryl neben dünnen Pastelltönen, verknotete Linien, geschleuderte Farbe, deren Spuren sich über die ganze Leinwand verteilen, und Stellen, an denen die getrocknete Oberfläche wieder abgekratzt wurde, bis die darunterliegende Schicht zum Vorschein kommt. „Sometimes it’s okay to blink“ heißt das großformatige Gemälde, das in der Albertina hängt – ein Titel, der wie eine Erlaubnis klingt, kurz wegzusehen.
Stefanie Mattei, Kunstvermittlerin der Albertina und der Albertina Modern, führt durch die Ausstellung Andy Warhol bis Cecily Brown, die Kunst aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart zeigt. Vor diesem Werk beginnt sie mit einem Satz, der alles Weitere grundiert:
„Wir sind alle Farben, die ständig fluktuieren.“
Bei Jadé Fadojutimi, 1993 in London geboren, setzen Farben keine Akzente, sie legen Stimmungen und Gefühle offen. Was auf den ersten Blick nach der Spontanität abstrakter Malerei aussieht, ist vorbereitet: Die Künstlerin setzt sich zuerst mit ihrer Umgebung auseinander, plant die Komposition im Kopf und hält den Prozess in Vorzeichnungen fest. Ihre Konstruktionen pendeln zwischen Abstraktion und Figuration; wer davorsteht, erkennt Meereslandschaften, Glasfenster, mikroskopische oder pflanzliche Motive. Elemente der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts – Transparenz, Schichtungen, Gitter, Netze – übernimmt sie und übersetzt sie in ihre eigene Handschrift.
Die leuchtenden Farbschichten und verknoteten Linien erinnern Mattei an Willem de Kooning oder Jackson Pollock, das Abkratzen getrockneter Farbe an Gerhard Richter. Fadojutimi arbeitet oft bis spät in die Nacht, bevorzugt einen schnellen Farbauftrag und große Leinwände.
Begonnen hat diese Bildsprache im Kinderzimmer, mit japanischen Subkulturen, Videospielen, koreanischen Dramen, Filmmusik und vor allem Anime. 2016 nahm sie an einem Austauschprogramm in Japan teil, dort entwickelte sich ihre malerische Sprache. Jedes Land, sagt sie, habe seine eigene Melodie – und jedes verbinde sie mit anderen Farben.
Was sie auf die Leinwand bringt, sind Einblicke in ihre innere Welt: Wünsche, Hoffnungen, Fantasien und vor allem jene Situationen, in denen sie sich unsicher fühlt oder das Gefühl des Andersseins erfährt. Ihre Arbeit nennt sie ein Tagebuch ihres Lebens, die Malerei ist ihre Sprache für das, was sich nicht in Worte fassen lässt. Die Bilder bleiben dabei nicht Bilder, sie werden zu Räumen, in denen sie selbst existieren kann.
Fadojutimi gehört zu einer Generation junger Schwarzer Künstler:innen, deren Werke schon jetzt hohe Preise erzielen, zunehmend auch auf dem asiatischen Markt, und die früh international ausgestellt werden. Vor dem Gemälde in der Albertina ist von diesem Betrieb nichts zu spüren, nur ein Zustand, der sich nicht festhalten lässt. Wer blinzelt, verpasst also nichts. Die Farben haben sich bis dahin ohnehin verschoben.
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