Objekte
February 23, 2022
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Albertina

Kutteln und Zitronen: Cecily Browns Farbgewirr in der Albertina

Zitronen, ein Teller, vogelartige Wesen – und darüber ein Gewirr aus Farbe: Kunstvermittlerin Nathalie Neubauer erklärt in der Albertina, warum Cecily Browns Ölbild „Tripe with Lemons“ sich nie ganz zu erkennen gibt.

Kutteln und Zitronen: Cecily Browns Farbgewirr in der Albertina
Foto: C.Stadler/Bwag, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Auf den ersten Blick ist da nur Farbe: gelbe und orange Töne, lose Pinselstriche, ein zur Mitte hin verdichtetes Gewirr, das sich jeder Ordnung entzieht. Wer stehen bleibt, entdeckt am unteren Bildrand Zitronen, darüber die Andeutung eines Tellers, umringt von vogelartigen Wesen. Das Ölbild Tripe with Lemons von Cecily Brown, entstanden 2004, gibt sich erst nach und nach zu erkennen – und auch dann nicht ganz.

Nathalie Neubauer, Kunstvermittlerin in der Albertina, stellt das Werk in der Basteihalle vor, wo das Haus zeitgenössische Kunst zeigt. Browns großformatige Leinwände bewegen sich an der Grenze von figurativer und abstrakter Malerei. Bis zur Unkenntlichkeit übersät wirken sie – und doch liegt dem Farbgewirr stets ein erkennbares Element zugrunde: Tiere, Teile von Gesichtern und Körpern, Obst aus einem Stillleben. Eine Landschaft im herkömmlichen Sinn ist das nicht, eher ein verschlungenes Arrangement von Motiven.

Brown, 1969 in London geboren, begann dort Ende der 1980er-Jahre Malerei zu studieren. Der Neo-Expressionismus hatte kurz zuvor die Rückkehr zu einer gegenständlichen Malweise durchgesetzt, als Antwort auf konzeptuelle und minimalistische Positionen. Neubauer verortet Brown allerdings weniger dort als bei den radikal expressiven Ausdrucksweisen von Willem de Kooning und Francis Bacon. Gleichzeitig arbeitet sich die Malerin an den alten Meistern ab, von Hieronymus Bosch über Tizian und Caravaggio bis zu Rubens. Mitte der 1990er-Jahre zog sie von London nach New York, wo sie bis heute lebt und arbeitet und rasch zu einer der gefragtesten Malerinnen ihrer Zeit wurde. Dazu trug die frühe Entdeckung durch den Sammler Charles Saatchi bei, der schon während ihrer Studienzeit Werke ankaufte – und eine provokante weibliche Perspektive, die in ihren Arbeiten von Beginn an mitschwingt.

Worum es Brown geht, ist der „physische Akt des Schauens“, wie Neubauer sagt, der bis zum Voyeurismus reichen kann. Ihre Vorlagen findet sie deshalb nicht nur in der Kunstgeschichte, sondern auch in Lifestyle-Magazinen, Kinderbüchern und pornografischen Zeitschriften. Einzelne Figuren und Fragmente löst sie heraus und überführt sie vom Erkennbaren in die eigene Abstraktion. Sie malt in Öl, weil sich die Farbe immer wieder weiterbearbeiten lässt und nicht so schnell trocknet wie Acryl. Den Pinsel hält sie ganz am Ende des Stiels und arbeitet mit vollem Körpereinsatz, oft an mehreren Bildern gleichzeitig, die in ihrem New Yorker Studio auf Rollcontainern stehen.

Auch die Titel entstehen assoziativ und erst zum Schluss, aus einer Liste, die Brown aus Kinofilmen, Musicals, Gedichten und Junk-E-Mails speist. „Kutteln und Zitronen“ ist so ein Fund. Er legt eine reich gedeckte barocke Tischplatte nahe – oder den Vormagen eines Wiederkäuers. Beides bleibt möglich, keines wird eingelöst. Ein „endgültiges oder abgeschlossenes Sehen“, sagt Neubauer, gebe es bei diesen Bildern nicht; sie wollen jedes Mal von Neuem betrachtet werden. Wer sich darauf einlässt, geht nicht mit einer Auflösung nach Hause, sondern mit einer eigenen Geschichte.