Objekte
November 6, 2026
|

Der Lindwurm von Klagenfurt: Hat ein Nashornschädel dem Drachen sein Gesicht gegeben?

Im Klagenfurter Rathaus hing um 1840 ein riesiger Schädel, den man für den Kopf des Lindwurms aus der Sage hielt. Ein Grazer Professor erkannte darin ein eiszeitliches Nashorn – und im Gesicht des Drachen am Lindwurmbrunnen dessen Abbild.

Der Lindwurm von Klagenfurt: Hat ein Nashornschädel dem Drachen sein Gesicht gegeben?
Kopf des Lindwurms, Lindwurmbrunnen, Neuer Platz Klagenfurt, Foto 2008 · JJ55, Public Domain, via Wikimedia Commons

Mitten in Klagenfurt, auf dem Neuen Platz, steht der Lindwurmbrunnen. Sein Hauptstück ist ein steinerner Drache, der Lindwurm. Das Wort ist ein alter Name für Drachen und große Schlangen. Um 1840 erfuhr Franz Unger, dass in Klagenfurt noch immer der Schädel dieses Drachen aufbewahrt werde: ein großer Knochenschädel, den man für den Kopf des Ungeheuers aus der Sage hielt. Unger war Professor für Botanik am Joanneum, dem steirischen Landesmuseum in Graz, und kannte sich mit Fossilien aus. Er ging „sogleich nach dem Rathhause“, wie er schrieb. Dort hing im Archiv ein riesiger Tierschädel an einer Kette. Unger erkannte darin keinen Drachen, sondern ein Nashorn. Und er war überzeugt, dass der Kopf des steinernen Lindwurms draußen auf dem Platz nach diesem Schädel geformt war.

Der Lindwurmbrunnen ist das Wahrzeichen von Klagenfurt, der Landeshauptstadt Kärntens, und der Lindwurm steht auch im Stadtwappen. Unger veröffentlichte seine Erkenntnis 1840 in einer Grazer Zeitschrift, im Februar 1841 druckte sie auch die Klagenfurter Zeitschrift Carinthia nach. Dass der „Lindwurmschädel“ von einem Wollnashorn aus der Eiszeit stammt, ist seither gesichert. Dass der Bildhauer des Brunnens diesen Schädel als Vorlage benutzte, ist dagegen eine These. Sie beruht auf dem Vergleich der Formen, und sie gilt als gut begründet.

Stimmt sie, dann steckt im Lindwurm eine Ironie. Der Bildhauer wollte einen Drachen machen und nahm als Vorlage, was er für einen Drachenkopf hielt. Tatsächlich hatte er den Schädel eines ausgestorbenen Eiszeittiers vor sich, ohne es wissen zu können: Dass Tierarten aussterben können, wies erst gut zweihundert Jahre später der Franzose Georges Cuvier nach, der als Begründer der Fossilienkunde gilt. Der Klagenfurter Arzt und Naturforscher Roman Puschnig nannte den Kopf des Lindwurms deshalb in den 1930er-Jahren einen der ältesten Versuche, ein ausgestorbenes Tier nachzubilden.

Ein Drache, ein Stier und ein Haken

Unger stellte seinem Bericht die Sage voran, die man sich in Klagenfurt erzählte. Im Sumpf an der Glan, wo heute die Stadt steht, soll ein geflügelter, gepanzerter Wurm gehaust haben. Mit Gewalt war ihm nicht beizukommen, also griff man zur List. Ein Stier wurde als Köder an einen großen Widerhaken gebunden. Der Lindwurm schoss aus dem Sumpf und packte den Stier, und dabei fasste ihn der Haken im Rachen. Damit war es um ihn geschehen. Die befreite Gegend lockte mit ihren Weiden Siedler an, und so entstand Klagenfurt. Andere Fassungen der Sage nennen einen Herzog von Kärnten, der am Rand des Sumpfes einen Turm bauen ließ, und Ritter, die sich darin versteckten und den gefangenen Lindwurm erschlugen.

Wann und wo der Schädel aus dem Boden kam, weiß niemand sicher. Bekannt ist nur, dass er in Klagenfurt als Beweis dafür galt, dass es den Lindwurm wirklich gegeben hatte. Im naturkundlichen Landesmuseum in Klagenfurt nannte eine Tafel in den 1930er-Jahren „wahrscheinlich um 1335“ und die Goritschitzen, eine Anhöhe bei Klagenfurt. Der Wiener Fossilienforscher Othenio Abel schrieb dagegen 1914, der Schädel sei Mitte des 16. Jahrhunderts auf dem Zollfeld gefunden worden, einer Ebene nördlich der Stadt. Dort hatte man auch Unger eine Senke gezeigt, die nach dem Drachen benannt war. Puschnig untersuchte den Schädel um 1935 genau. Er hielt beide Angaben für gleich schlecht belegt und vermutete, dass der Schädel erst im 18. Jahrhundert ins Rathaus kam. Wenn der Bildhauer ihn als Vorlage benutzt hat, muss der Schädel aber schon um 1590 in Klagenfurt gewesen sein.

Ein Bildhauer modelliert ein Nashorn

Bestellt haben den Lindwurm die Kärntner Landstände, die damalige Landesvertretung. Das Sagen- und Wappentier der Stadt sollte als Denkmal auf dem Neuen Platz stehen. Gehauen wurde er zwischen 1590 und 1593 aus einem einzigen Block Chloritschiefer, einem grünlichen Stein vom Kreuzbergl am Stadtrand. Der Überlieferung nach zogen ihn 300 festlich geschmückte Knaben auf Rollen zu seinem Platz. Wer den Lindwurm schuf, ist nicht belegt; lange galt Ulrich Vogelsang als sein Bildhauer.

Der Lindwurmbrunnen auf dem Neuen Platz in Klagenfurt mit dem steinernen Drachen und der Herkules-Figur
Der Lindwurmbrunnen auf dem Neuen Platz in Klagenfurt, 2015. – Foto: Johann Jaritz, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Erst in den 1630er-Jahren wurde aus dem Denkmal ein Brunnen. Damals kam auch die zweite Figur dazu: Herkules, der Held der griechischen Sage, der mit erhobener Keule über dem Kopf des Lindwurms steht. Warum man gerade ihn wählte, erklären die Quellen nicht. Geschaffen hat ihn Michael Hönel, ein Bildhauer, der für den Hof der Bischöfe von Gurk in Kärnten arbeitete.

Unger fiel auf, dass die Proportionen und sogar die Größe von Schädel und Steinkopf „auffallend“ übereinstimmen. Puschnig nahm knapp hundert Jahre nach Unger das Maßband. Die Linie der Stirn und der Verlauf des Oberkiefers folgen dem Schädel. Dem Schädel aus dem Rathaus fehlt aber der Unterkiefer, der steinerne Lindwurm hat einen; den hat der Bildhauer also nach dem Oberkiefer dazuerfunden. Eine genaue Kopie sei das nicht, schrieb Puschnig, wer auch immer den Lindwurm schuf, habe den Schädel „treu, aber frei“ benutzt. Ein Schriftstück, das die Vorlage bestätigt, ist nicht erhalten. Der Geologe Friedrich Hans Ucik nannte Puschnigs Argumente 1990 trotzdem überzeugend, und 2026 sagte ein Kurator in Darmstadt, die runden Formen des Lindwurms seien an den Nashornschädel angelehnt.

Was Franz Unger im Archiv sah

Unger maß den Schädel: 28 Zoll lang, gut 70 Zentimeter, und an den Jochbögen, den Wangenknochen, fast einen Fuß breit, also rund 30 Zentimeter. Unterkiefer und Zähne fehlten. Kein Tier, das zu Ungers Zeit in Europa lebte, hatte einen so großen Kopf. Unger erkannte darin eine Art, die Cuvier beschrieben hatte: das Wollnashorn. Es trug zwei Hörner hintereinander auf der Nase und lebte während der Eiszeit auch in Europa. Seine Knochen fand man immer wieder, und in Sibirien hatte man, wie Unger berichtete, sogar ein fast vollständiges gefrorenes Tier mit Haut und Haaren entdeckt.

Schädel eines eiszeitlichen Wollnashorns in einer Museumsvitrine
Schädel eines Wollnashorns im Geologischen Museum Henan, Zhengzhou. So ähnlich sieht der Klagenfurter „Lindwurmschädel“ aus. – Foto: Gary Todd, Public Domain, via Wikimedia Commons

Am Ende seines Aufsatzes fragte Unger, ob es mit den Drachen anderer Sagen ähnlich stehe, etwa in Tirol oder in der Schweiz: ob also auch dort Knochen ausgestorbener Tiere als Überreste von Drachen gegolten hatten.

Der Schädel im Kopf des Drachen

1849 übergab die Stadt den Schädel dem neu gegründeten naturkundlichen Landesmuseum. 1884 zog er mit dem Museum in den Neubau an der Museumgasse, das Rudolfinum. Es ist dasselbe Haus, das heute kärnten.museum heißt. Ab 2014 war es geschlossen, ab 2020 wurde es generalsaniert, im November 2022 hat es wieder eröffnet. In der neuen Ausstellung ist der Umriss eines Lindwurms an die Wand gemalt, und in seinem Kopf sitzt der Schädel aus dem Rathaus.

Im Herbst 2026 ist der Schädel zum ersten Mal in Deutschland zu sehen. Wegen Umbauarbeiten im Klagenfurter Ausstellungsbereich zeigt ihn bis 17. Jänner 2027 das Hessische Landesmuseum Darmstadt in der Ausstellung „Drachen – Mythos und Wirklichkeit“. Danach soll er in Köln zu sehen sein, wo die Ausstellung ab März 2027 läuft. Franz Unger ging um 1840 ins Rathaus, um einen Drachen zu sehen, und fand ein Nashorn. Fast zwei Jahrhunderte später reist dasselbe Nashorn als Drachenschädel nach Darmstadt. Das Gesicht, das es dem steinernen Lindwurm wohl gegeben hat, bleibt in Klagenfurt.

Der Lindwurmbrunnen ist jederzeit frei zugänglich. Der Schädel gehört dem kärnten.museum, ist aber derzeit in Darmstadt zu Gast.

Lindwurmbrunnen · Neuer Platz, 9020 Klagenfurt am Wörthersee