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October 29, 2026
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KHM Wien

Wo hängt Vermeers „Malkunst“? Das Bild, das Hitler kaufen ließ

Im Oktober 1940 kaufte Adolf Hitler, „fortan kurz ‚Käufer‘ genannt“, Vermeers „Malkunst“ für Linz. Wie das Bild über ein Salzbergwerk ins Kunsthistorische Museum Wien kam und warum Wien es behalten durfte.

Wo hängt Vermeers „Malkunst“? Das Bild, das Hitler kaufen ließ
Jan Vermeer, Die Malkunst, um 1666/1668, Kunsthistorisches Museum Wien · gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Am 4. Oktober 1940 bekam Graf Jaromir Czernin in Marschendorf ein Schreiben vorgelegt, das ihm 1,65 Millionen Reichsmark für ein einziges Bild bot. Überbracht hatte es Hans Posse, Hitlers Sonderbeauftragter für Kunst. Wer kaufen wollte, stand gleich im ersten Satz: Adolf Hitler, „fortan kurz ‚Käufer‘ genannt“. Czernin nahm an. Acht Tage später wurde das Bild im Münchner „Führerbau“ übergeben, Mitte November war das Geld da.

Das Bild war Jan Vermeers „Die Malkunst“. Gekauft wurde es für das Museum, das Hitler in Linz plante. Dort kam es nie an. Heute hängt die Malkunst im Kunsthistorischen Museum Wien, in der Gemäldegalerie, laut Online-Sammlung im Saal XII. Der Weg dorthin führte durch ein Salzbergwerk, einen Schlafwagenzug und mehr als sechzig Jahre Streit.

Jan Vermeer, Die Malkunst, um 1666/1668, Öl auf Leinwand, Kunsthistorisches Museum Wien.
Jan Vermeer, „Die Malkunst“, um 1666/1668, Kunsthistorisches Museum Wien. – Bild: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Das Bild, das Vermeer nicht hergab

Vermeer malte es um 1666/1668 in Delft, 120 mal 100 Zentimeter groß. Es zeigt einen Maler im Atelier, sein Modell posiert als Klio, die Muse der Geschichte, mit Lorbeerkranz und Trompete. Signiert hat Vermeer auf der Landkarte an der Wand, „I Ver-Meer“ steht an ihrem unteren Rand. Die Karte zeigt die siebzehn Provinzen der Niederlande, so wie sie vor der Teilung in Nord und Süd waren.

Verkauft hat Vermeer das Bild nie, auch nicht, als er Schulden hatte. Nach seinem Tod 1675 übertrug es seine Witwe Catharina Bolnes ihrer Mutter Maria Thins, um es vor den Gläubigern zu retten. Es half nichts: 1677 kam es in Delft unter den Hammer.

Ein Vermeer, den man für einen de Hooch hielt

Über Umwege landete die Malkunst in Wien, in der Sammlung Gottfried van Swietens. Aus seinem Nachlass erwarb Johann Rudolph Czernin sie 1804. Gern erzählt wird eine andere Version: Ein Graf Czernin habe das Bild 1813 einem Sattler um 50 Gulden abgekauft. Sicher ist, dass lange niemand wusste, was da in der Czernin-Galerie hing. Das Bild trug eine gefälschte Signatur von Pieter de Hooch und galt als sein Werk, bis der Kunsthistoriker Gustav Friedrich Waagen um 1860 Vermeer erkannte.

Danach wollten es viele. In den 1920er- und 1930er-Jahren verhandelten amerikanische Händler und Sammler, darunter Andrew Mellon. Das Bundesdenkmalamt hatte die Galerie 1923 unter Schutz gestellt, eine Ausfuhrbewilligung gab es vor 1938 nie. Nach dem „Anschluss“ sollte Philipp Reemtsma das Bild bekommen, Hermann Göring war dafür. Ende Dezember 1939 legte Hans Heinrich Lammers im Auftrag Hitlers Einspruch ein. Hitler hatte das Bild im August 1939 in München besichtigt. Ein Jahr später gehörte es ihm.

Im Salzberg und im Schlafwagen

Im Oktober 1944 wurde die Malkunst ins Salzbergwerk Altaussee gebracht, wo die Nationalsozialisten Kunstwerke vor den Bomben in Sicherheit brachten. Dort stellte die US-Armee sie 1945 sicher. Am 27. Juni 1945 kam sie in den Central Collecting Point in München. Im August druckte die Wiener Arbeiter-Zeitung den Kaufantrag von 1940 ab, samt der Formel vom „Käufer“.

Nach Wien zurück brachte das Bild ein Amerikaner: Andrew Ritchie, Direktor der Albright Gallery in Buffalo und für die Amerikaner in Österreich zuständig für Kunstschutz. Er reiste mit dem Vermeer im Schlafwagenzug und sperrte sich mit ihm im Abteil ein. Am 28. November 1945 übergaben die Amerikaner das Bild der österreichischen Bundesregierung. „Vermeers schönstes Bild für Wien“, titelte der Wiener Kurier, die Zeitung der amerikanischen Streitkräfte. Gezeigt werden sollte es in einer Ausstellung in der Hofburg, die auf Veranlassung von General Mark W. Clark Mitte Dezember eröffnen sollte. Im November 1946 ging das Bild an das Kunsthistorische Museum, 1958 wurde es in die Sammlung aufgenommen.

Mehr als sechzig Jahre Streit um einen Kauf

Jaromir Czernin forderte das Bild schon im November 1945 zurück. Er habe unter Zwang verkauft. Die Rückstellungskommission wies den Antrag 1949 ab, der Verwaltungsgerichtshof bestätigte 1960 eine ablehnende Entscheidung des Finanzministers. Der hatte den Verkauf eine Spekulation genannt, keine Entziehung.

Mit dem Kunstrückgabegesetz von 1998 kam der Fall wieder auf den Tisch. 2009 stellten Czernins Erben einen neuen Antrag. Am 18. März 2011 empfahl der Kunstrückgabebeirat einstimmig, das Bild nicht zurückzugeben. Czernin sei nicht verfolgt worden, auch nicht wegen seiner Frau, die nach NS-Begriffen als „Mischling 2. Grades“ galt. Der Verkauf an Hitler sei kein erzwungener gewesen. Wie anders ein solcher Streit ausgehen konnte, zeigt die Goldene Adele, die Wien 2006 verließ.

So blieb das Bild, das Vermeer selbst nicht hergeben wollte, bei der Republik. Im Atelier steht noch immer Klio, die Muse der Geschichte, mit ihrer Trompete. Geschichte ist das Bild inzwischen selbst geworden, und der „Käufer“ von 1940 gehört dazu.

Das Kunsthistorische Museum in Wien an Burgring und Babenbergerstraße, Fotografie um 1880/1881.
Michael Frankenstein & Comp., Kunsthistorisches Museum, Burgring und Babenbergerstraße, um 1880/1881. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Im selben Museum, nur ein paar Säle weiter, hängt Bruegels Turmbau zu Babel. Er kam zehn Tage vor dem Vermeer nach Wien zurück, mit einem Zug voller Gemälde aus dem Salzbergwerk Lauffen. Ob die Malkunst gerade hängt, zeigt vor dem Besuch die Online-Sammlung des Museums.

Kunsthistorisches Museum Wien · Maria-Theresien-Platz, 1010 Wien