Anfang Juni 1908 stand ein Kritiker der Wiener Allgemeinen Zeitung in der Kunstschau vor einem Bildnis voller Gold. Die Ausstellung der Gruppe um Gustav Klimt war am 1. Juni eröffnet worden, auf dem Bauplatz, auf dem später das Konzerthaus entstand. Den Namen der Dargestellten schrieb der Kritiker nicht aus. Er nannte sie nur bei ihren Initialen, Frau A. B., und sah in ihr ein „Idol im funkelnden Tempelschrein“.
Frau A. B. war Adele Bloch-Bauer, und das Bild ist das, was man in Wien die „Goldene Adele“ nennt. In Wien hängt sie allerdings nicht mehr. Klimts „Bildnis Adele Bloch-Bauer I“ ist seit 2006 in der Neuen Galerie in New York zu sehen, an der Fifth Avenue. Davor gehörte es 65 Jahre lang der Österreichischen Galerie im Belvedere. Unterwegs hat es seinen Namen verloren und wiederbekommen.
Ein Auftrag und über hundert Zeichnungen
Den Auftrag gab 1903 Adeles Mann, Ferdinand Bloch-Bauer. Klimt machte sich mit über hundert Zeichnungen und Studien an die Arbeit, zwei davon besitzt heute die Albertina. Fertig wurde das Bild 1907: Öl mit Blattsilber und Blattgold auf Leinwand, 138 mal 138 Zentimeter. Noch im selben Jahr zeigte Klimt es in Mannheim, wo Kritiker seine Bilder bizarr nannten.

In der Kunstschau 1908 hing es dann in Wien, in derselben Ausstellung, in der Klimt erstmals sein „Liebespaar“ zeigte. Dieses Bild kaufte das Kunstministerium noch während der Schau, man kennt es heute als „Der Kuss“, und es hängt bis heute im Belvedere. Adele saß Klimt noch ein zweites Mal Modell, für ein Bildnis, das 1912 bis 1913 entstand. Manche erkennen sie auch in seiner „Judith“ von 1901, belegt ist das nicht.
Aus Adele wird die „Dame in Gold“
Adele Bloch-Bauer starb 1925. In ihrem Testament bat sie ihren Mann, die Klimt-Bilder der Österreichischen Staatsgalerie zu überlassen. Gehört hatten die Bilder aber Ferdinand. Nach dem „Anschluss“ 1938 floh er, zuerst in die Tschechoslowakei, dann in die Schweiz. Sein Vermögen wurde beschlagnahmt, ein vom Staat eingesetzter Anwalt verwertete es. 1941 kam das Bildnis in die Österreichische Galerie, die sich auf Adeles Testament berief.
Dort bekam es einen neuen Titel: „Dame in Gold“. Damit verschwand jeder Hinweis darauf, dass hier eine Jüdin porträtiert war. Als der Völkische Beobachter im Februar 1943 Klimts 25. Todestag feierte, lobte er die „Dame in Gold“ als Höhepunkt einer künstlerischen Möglichkeit. Wen sie zeigte, stand nicht da. Ferdinand Bloch-Bauer starb im November 1945 in Zürich.
Ciao Adele
Es war Ferdinands Nichte Maria Altmann, die sie zurückforderte. Sie lebte seit 1942 in Los Angeles. 2004 entschied der Oberste Gerichtshof der USA, dass sie die Republik Österreich dort verklagen durfte. Am Ende entschied ein Schiedsgericht in Österreich, mit den Juristen Andreas Nödl, Walter H. Rechberger und Peter Rummel. Im Jänner 2006 sprach es Altmann und den anderen Erben fünf Klimt-Bilder zu, darunter beide Bildnisse Adeles.
In Wien warben Plakate mit „Ciao Adele“ für die letzte Gelegenheit, die Bilder zu sehen. Von April bis Juni 2006 hingen sie im Los Angeles County Museum of Art. Im Juni 2006 kaufte Ronald Lauder, Mitbegründer der Neuen Galerie, das goldene Bildnis. Zeitungen berichteten von rund 135 Millionen Dollar, damals ein Rekord, bestätigt hat den Preis keiner der Beteiligten. Seit dem 12. Juli 2006 hängt es in New York. Das zweite Bildnis wurde noch 2006 versteigert und ist seither in Privatbesitz. Für ein paar Monate kam es zurück: Von November 2023 bis Februar 2024 zeigte das Belvedere es als „Special Guest“.

Wo die Goldene Adele heute hängt, und was in Wien bleibt
In Wien bleiben die Zeichnungen. Die Albertina besitzt eine Studie von 1904 für das goldene Bildnis und eine von 1911 für das zweite, beide in Bleistift. Welche Zeichnungen gerade ausgestellt sind, zeigt die Online-Sammlung des Hauses. Wo sonst in der Stadt Klimts Bilder hängen, steht in Gustav Klimt in Wien.
Und der Name? 1908 war sie Frau A. B., 1941 wurde sie zur „Dame in Gold“. Ausgerechnet dieser Titel, der sie unkenntlich machen sollte, lebt im Kinofilm von 2015 weiter: „Woman in Gold“, auf Deutsch „Die Frau in Gold“, mit Helen Mirren als Maria Altmann. In New York hängt sie unter ihrem eigenen Namen, als Adele Bloch-Bauer.
Die Neue Galerie liegt an der Fifth Avenue, Ecke 86th Street. Öffnungszeiten und mögliche Schließtage vor dem Besuch auf neuegalerie.org prüfen.
Neue Galerie New York · 1048 Fifth Avenue, New York. In Wien: Albertina (Studien) und Oberes Belvedere, Prinz-Eugen-Straße 27, 1030 Wien
Shownotes
- Wikipedia: Adele Bloch-Bauer I
- Wikipedia (englisch): Portrait of Adele Bloch-Bauer I
- Wikipedia: Kunstschau Wien 1908
- Wikipedia: Neue Galerie New York
- Belvedere: Special Guest – Adele Bloch-Bauer II
- LACMA: Gustav Klimt – Five Paintings from the Collection of Ferdinand and Adele Bloch-Bauer (2006)
- Neue Galerie New York
- Wiener Allgemeine Zeitung, 6. Juni 1908: „Porträt der Frau A. B.“ in der Kunstschau (ANNO)
- Völkischer Beobachter, 7. Februar 1943: Klimt zum 25. Todestag, die „Dame in Gold“ (ANNO)
- Kulturpool: Klimt, Studie für Bildnis Adele Bloch-Bauer I, 1904
- Kulturpool: Klimt, Studie für Bildnis Adele Bloch-Bauer II, 1911
- Kulturpool: Rudolf Kalvach, Plakat Kunstschau 1908
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