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Der liebe Augustin in Wien: Ein Brunnen für einen „sehr großen Lumpen“

Am 4. September 1908 enthüllt Bürgermeister Lueger in der Neustiftgasse den Augustinbrunnen und nennt den Geehrten einen großen Lumpen. Die Geschichte des lieben Augustin zwischen Pestlegende, Totenprotokoll und Lied.

Der liebe Augustin in Wien: Ein Brunnen für einen „sehr großen Lumpen“
Verlag R. Lechner (Wilh. Müller), Bürgermeister Lueger bei der Enthüllung des Augustinbrunnens am Augustinplatz am 4. September 1908, 1908, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Am Vormittag des 4. September 1908, einem Freitag, prangten an einem Eckhaus der Neustiftgasse im 7. Bezirk rote und weiße Blumen. Sie formten die Worte „Lieber Augustin!“. Um 10 Uhr kam Bürgermeister Karl Lueger. Magistratsrat Demel erzählte, wie der Brunnen entstanden war, dann gab Lueger ein Zeichen, die Hülle fiel, und aus den Röhren begann Wasser zu fließen. Lueger hielt eine seiner humorvollen Reden. Den Mann, dem der Brunnen galt, nannte er dabei, so das Illustrirte Wiener Extrablatt, einen „sehr großen Lumpen“.

Der Brunnen steht noch heute dort, an der Ecke von Neustiftgasse und Kellermanngasse in Wien-Neubau, auf dem kleinen Platz, der seit 2009 Augustinplatz heißt. Wer wissen will, wo der liebe Augustin in Wien zu finden ist: hier, als Figur mit Dudelsack über einem Wasserbecken. Nur ist es nicht mehr die Figur, die Lueger enthüllte. Und ob es den Mann, den sie zeigt, wirklich gegeben hat, ist bis heute umstritten.

Ein Dudelsackpfeifer in der Pestgrube

Die Geschichte, an die der Brunnen erinnert, spielt 1679, im Jahr der schwersten Pestepidemie, die Wien in der frühen Neuzeit erlebte. Augustin, ein Bänkelsänger und Sackpfeifer, der von Wirtshaus zu Wirtshaus zog, soll nach einer durchzechten Nacht auf dem Heimweg eingeschlafen sein. Die Pestknechte hielten ihn für tot und warfen ihn in eine Pestgrube bei der Kirche St. Ulrich, nicht weit vom heutigen Brunnen. In der Grube spielte er auf seinem Dudelsack, bis man ihn herausholte, und lebte weiter wie zuvor. So erzählt es die Legende. Im selben Pestjahr gelobte Kaiser Leopold I. die Pestsäule am Graben.

Aufgeschrieben wurde die Geschichte früh, anfangs aber ohne Namen. Der Arzt Paulus de Sorbait erzählte 1679 von einem betrunkenen Dudelsackspieler, ohne zu sagen, wer er war und wo es geschah. Johann Constantin Feigius nannte 1694 einen Augustin. Abraham a Sancta Clara machte 1710 eine Moralgeschichte daraus, bei ihm stirbt Augustin wenige Tage nach seiner Rettung an seiner Völlerei. Richtig bekannt wurde die Legende erst, als Moritz Bermann sie 1865 in sein Buch „Alt-Wien in Geschichte und Sage“ aufnahm.

Ein Toter ohne Familiennamen

Und der Mann selbst? Am 11. März 1685, sechs Jahre nach der großen Pest, verzeichnete das Wiener Totenbeschreibamt einen Augustin, der tot auf der Straße gefunden worden war, geschätzt etwa 40 Jahre alt. Sein Vorname war bekannt, sein Familienname nicht. Im Protokoll steht statt des Zunamens nur „N.“ und das Wort „Nescio“, ich weiß es nicht. Begraben worden sein soll er auf dem Nikolaifriedhof im 3. Bezirk.

Moritz Bermann durchsuchte 1888 die Totenbeschauprotokolle, fand mehrere Augustins und hielt einen Marx Augustin für den richtigen. Der Kulturhistoriker Gustav Gugitz dagegen war überzeugt, dass es den lieben Augustin nie gegeben hat. Das Wien Geschichte Wiki führt ihn heute als Bänkelsänger, Sackpfeifer und Stegreifdichter, geboren um 1645, gestorben 1685.

Ein Lied, das jünger ist als sein Held

Mit dem Lied, das seinen Namen trägt, hatte der Sänger wohl nichts zu tun. „O du lieber Augustin“ kam erst um 1800 nach Wien, mehr als hundert Jahre nach seinem Tod. Zuerst nachweisen lässt sich die Melodie 1788 in Leipzig, als „Augustin, Favoritwalzer nach dem Böhmischen“. 1815 erschien in Steyr ein Liederheft, dessen zweites Lied auf die Melodie von „Ey du lieber Augustin“ zu singen war. Mit der Pestlegende verband man das Lied erst ab den 1870er-Jahren.

Titelblatt eines Liederhefts von 1815: Drey schöne neue Lieder, das zweite im Ton von Ey du lieber Augustin
Drey schöne neue Lieder … Das Zweyte: Im Tone: Ey du lieber Augustin, Steyr, 1815. – Bild: Wienbibliothek im Rathaus, Public Domain, via Kulturpool

Trotzdem hängt am Griechenbeisl am Fleischmarkt, das auch „Zum roten Dachel“ hieß, ein Dudelsackpfeifer als Wirtshausschild, ein Relief von C. Bachmayer. Hier soll Augustin oft eingekehrt sein und der Sage nach sein Lied gedichtet haben. Eine hübsche Legende, nur ist das Lied jünger als der Mann, der es erfunden haben soll.

Bronze für den Krieg, Sandstein für den Frieden

Zurück zum Brunnen von 1908. Angeregt hatte ihn Gemeinderat Stehlik. Ursprünglich war an der Stelle ein Kellermannbrunnen geplant, doch der Entwurf des Bildhauers Hans Scherpe verdrängte die Idee, schrieb das Neue Wiener Tagblatt. Eine Marmortafel am Eckhaus erinnerte daran, dass hier während der Türkenbelagerung 1683 das Zelt des Großwesirs Kara Mustafa gestanden haben soll. Dass ausgerechnet die Wiener Volkssänger bei der Feier fehlten, die Augustin als einen der ihren sahen, sorgte laut Extrablatt für Befremden. Ihr Bund ließ wissen, er sei nicht eingeladen worden. Lueger machte sich in seiner Rede einen Spaß daraus, dass Augustin, der in seinem Leben wohl „keinen Tropfen Wasser getrunken“ habe, nun nichts als Wasser sehe.

Fotografie des Augustinbrunnens in der Neustiftgasse in Wien mit der ursprünglichen Figur von Hans Scherpe, 1908/1909
Andreas Krampolek, Der Augustinbrunnen in Wien, VII., Neustiftgasse, Tafel aus dem Wiener Bauten-Album, 1908–1909. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Lange stand Scherpes Figur nicht. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Bronze eingeschmolzen. Auf dem leeren Sockel soll danach zu lesen gewesen sein: „Der schwarzen Pest bin ich entronnen, die braune hat mich mitgenommen.“ Am Samstag, dem 18. Oktober 1952, enthüllte Stadtrat Mandl einen neuen Augustin, geschaffen von Josef Humplik aus Sandstein. Die Arbeiter-Zeitung fand ihn „ein wenig anders als der alte“, den Dudelsack hatte er behalten.

Der Pestgrube ist der liebe Augustin der Legende nach entkommen, dem Schmelzofen nicht. Seit mehr als siebzig Jahren steht er nun als Steinfigur an der Neustiftgasse, und Luegers Witz von 1908 gilt noch immer: Der Mann, der angeblich nie Wasser trank, sieht bis heute nichts als Wasser.

Der Augustinbrunnen ist jederzeit frei zugänglich. Eine Augustin-Figur von Hans Scherpe, vermutlich von 1908, besitzt das Wien Museum, ebenso das Foto von Lueger bei der Enthüllung. Ein paar Gassen weiter erzählt das Bezirksmuseum Neubau die Geschichte des Bezirks. Mehr über Wiener Originale und ihre Klischees steht im Text über die Wiener Typen.

Augustinbrunnen · Neustiftgasse 32–34, Ecke Kellermanngasse, 1070 Wien