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October 30, 2026
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TMW

Erstes Auto der Welt? Der Marcus-Wagen und die Frage, wer das Auto erfunden hat

Am 16. April 1950 feierten 30.000 Menschen vor dem Technischen Museum Wien 75 Jahre erstes Auto der Welt. Das Jubiläum war falsch. Die Geschichte des Marcus-Wagens, seines Erfinders und warum die Nazis ihn aus den Lexika tilgen wollten.

Erstes Auto der Welt? Der Marcus-Wagen und die Frage, wer das Auto erfunden hat
Herbert Ortner, Der zweite Marcus-Wagen im Technischen Museum Wien, 2018 · CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Am Sonntag, dem 16. April 1950, drängten sich vor dem Technischen Museum an der Mariahilfer Straße rund 30.000 Menschen. Gefeiert wurde ein Jubiläum: 75 Jahre erstes Benzinauto der Welt. Der Wagen, um den es ging, war ein Holzgestell auf vier Speichenrädern, gebaut von dem Wiener Mechaniker Siegfried Marcus. An diesem Tag fuhr er wieder. Ein Sonderpostamt stempelte mehr Post als das Postamt der Messe in einer ganzen Woche, und das Museum zählte so viele Besucher wie nie seit seiner Gründung. Ein Redner des Automobil-Clubs erinnerte daran, dass die Polizei Marcus das Fahren wegen des Lärms verboten habe. So berichteten es die Tiroler Nachrichten.

Nur: Das Jubiläum war falsch. Der Wagen, der 1950 als 75 Jahre alt gefeiert wurde, stammt aus den Jahren 1888/89. Schon an diesem Tag ging es durcheinander: Die Redner sprachen von einem Auto aus dem Jahr 1877. Wer also hat das erste Auto erfunden? Die meisten Fachleute nennen Carl Benz. Er meldete seinen Motorwagen am 29. Jänner 1886 zum Patent an und fuhr am 3. Juli 1886 öffentlich in Mannheim. Sein Wagen gilt als der erste praxistaugliche Kraftwagen der Welt. Marcus hatte um 1870 schon einen Motor auf einen Handwagen gesetzt, ohne Lenkung und ohne Bremsen. Dieses Gefährt ist nicht erhalten. Ein Patent auf das Automobil hat Marcus nie angemeldet, und behauptet, es erfunden zu haben, hat er auch nicht.

Ein Mechaniker aus Mecklenburg

Siegfried Marcus wurde am 18. September 1831 in Malchin in Mecklenburg geboren. 1852 kam er nach Wien und blieb dort bis zu seinem Tod. An der Mariahilfer Straße, an der heute auch das Technische Museum steht, richtete er eine eigene Werkstatt ein. Er baute Telegrafen, elektrische Zünder und Zeichengeräte und erhielt Dutzende Patente. 1864 bekam er ein Privileg auf eine magnetelektrische Zündung, 1865 eines auf einen Vergaser. Mit Zündung und Vergaser beschäftigte er sich also schon lange, bevor es Autos gab.

Historische Fotografie eines dreirädrigen Motorwagens mit großen Speichenrädern auf einer Straße.
Der Motorwagen von Carl Benz, Aufnahme aus dem Buch „Motor Vehicles and Motors“ von William Worby Beaumont, 1900. – Bild: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Ein Motor aus Mähren und eine falsche Jahreszahl

Den Motor seines zweiten Wagens lieferte die Firma Märky, Bromovsky & Schulz aus Adamsthal in Mähren, das heutige Adamov bei Brünn. Gebaut wurde er 1888/89, das belegt ein Brief der Firma von 1901 im Archiv des Museums. Der Wagen hat einen Rahmen aus Eichenholz, einen Einzylinder-Viertaktmotor mit 1,5 Litern Hubraum, Marcus' Zündung und einen Vergaser mit rotierender Bürste. Er wiegt rund 750 Kilo und schafft auf ebener Straße 5 bis 8 Kilometer pro Stunde.

Öffentlich zu sehen war er erstmals 1898, auf der Jubiläumsausstellung in der Rotunde im Prater. Auf der Tafel stand „Construirt 1877“, im Begleitheft 1875. Die Tafel behauptete gleich dazu, der Wagen sei zehn Jahre älter als die ersten französischen und deutschen Benzinautos. Damit begann der Irrtum, und er hatte Folgen: Mit dem Jahr 1875 wäre Marcus vor Benz und Daimler gekommen, mit 1888/89 kam er nach ihnen. 1898 ging der Wagen in den Besitz des Österreichischen Automobil-Clubs über, später kam er als Leihgabe ins Technische Museum. Marcus starb 1898 in Wien. Über die richtige Jahreszahl wurde danach jahrzehntelang heftig gestritten. Erst 1968 zeigte Hans Seper in einer Veröffentlichung, dass die Jahreszahl 1875 nicht stimmen kann.

Ausgeräumt, versteckt, wieder aufgestellt

Siegfried Marcus stammte aus einer jüdischen Familie. Im Oktober 1932 hatte man ihm im Resselpark vor der Technischen Hochschule ein Denkmal enthüllt. Nach dem „Anschluss“ im März 1938 wurde es entfernt. Am 4. Juli 1940 schrieb das Propagandaministerium in Berlin an Daimler-Benz: In den großen Lexika sollten Daimler und Benz als Erfinder genannt werden, nicht Marcus. Im Technischen Museum verschwand sein Wagen aus der Ausstellung. An seiner Stelle stand ein Nachbau des Benz-Dreirads von 1886. Den Wagen selbst sollen Museum und Besitzer dem Zugriff der Behörden entzogen haben, nach dem Krieg wurde er wieder gezeigt. Auch das Denkmal kehrte an seinen alten Platz zurück.

Steinsockel mit der Büste von Siegfried Marcus in einem Park, im Hintergrund ein helles Gebäude.
Das Siegfried-Marcus-Denkmal im Resselpark vor der TU Wien, 2016. – Foto: Dguendel, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Nach 1945 wurde der Wagen zum Streitfall. In der Debatte um die Frage, wer zuerst war, warfen sich die Beteiligten gegenseitig Antisemitismus, deutsche Großmannssucht und die Vereinnahmung des Mecklenburgers Marcus als Österreicher vor.

Ein Veteran mit schwachen Bremsen

Für die Ausfahrt 1950 hatte der Ingenieur Alfred Buberl den Wagen wieder fahrtüchtig gemacht. Gemessen wurden 0,75 PS, so viel, wie man auch dem ersten Benz-Wagen zuschreibt. Im selben Jahr lud die Zeitung Stockholms-Tidningen das Museum ein, den Wagen zu einem Jugendfest nach Schweden zu bringen. Museumsdirektor Josef Nagler fuhr mit. Die schwedische Polizei prüfte den „75jährigen Veteranen“ wie jedes andere Auto: die Lenkung gut, die Bremse ungenügend. Schließlich wurde er freigegeben und fuhr, gesteuert vom 80-jährigen Autopionier Philipp Neren, 20 Kilometer durch Stockholm. Über 100.000 Menschen standen am Straßenrand, so meldete es Anfang Oktober 1950 die Salzburger Volkszeitung.

Heute steht der Wagen wieder in der Ausstellung des Technischen Museums Wien, datiert auf 1888/89. Er gehört bis heute dem ÖAMTC und ist noch fahrbereit. Für Ausfahrten nimmt das Museum inzwischen einen Nachbau. Dass in Wien um 1900 auch schon elektrisch gefahren wurde, zeigt der Lohner-Porsche. Und wie schwierig die Frage nach dem Ersten der Welt sein kann, erzählt auch die Geschichte der ersten Kamera der Welt.

Das erste Auto der Welt ist der Marcus-Wagen also nicht. Er ist etwas anderes: ein Auto, das 1950 zum 75. Geburtstag gefeiert wurde, obwohl es erst gut 60 Jahre alt war, und dessen Erfinder ein Regime zuvor aus den Lexika verbannen wollte. Marcus selbst hatte nie behauptet, das Auto erfunden zu haben. Das haben andere für ihn getan, und andere haben es ihm wieder genommen.

Technisches Museum Wien · Mariahilfer Straße 212, 1140 Wien