Am Samstag, dem 4. Juni 1938, verließ Sigmund Freud am Nachmittag Wien. Er war 82 Jahre alt und seit 15 Jahren an Krebs erkrankt. Mit seiner Frau Martha und der jüngsten Tochter Anna fuhr er im Orient-Express nach Paris. Die Budapester Zeitung Pester Lloyd meldete am nächsten Tag die Abreise des Begründers der Psychoanalyse. Er werde einige Tage in Paris bleiben und dann nach London weiterreisen, „wo er wahrscheinlich ständigen Aufenthalt nehmen wird“.
Zurück blieb die Adresse, an der Freud 47 Jahre lang gewohnt und gearbeitet hatte: Berggasse 19 im 9. Bezirk. Hier empfing er seine Patientinnen und Patienten, hier entstand die Psychoanalyse. Heute ist in der Wohnung das Sigmund Freud Museum. Wer es besucht, merkt schnell, wie viel fehlt. Denn die Familie durfte 1938 ihre Einrichtung mitnehmen, samt Freuds Antikensammlung.
Ein junger Nervenarzt zieht in die Berggasse
Ein gebürtiger Wiener war Freud nicht. Er kam am 6. Mai 1856 in Freiberg in Mähren zur Welt, dem heutigen Příbor in Tschechien. 1859 verließ die Familie Freiberg und kam über Leipzig 1860 nach Wien, in die Leopoldstadt. 1873 begann Freud an der Universität Wien Medizin zu studieren. 1881 wurde er promoviert, 1885 Dozent für Neuropathologie. Am 13. September 1886 heiratete er Martha Bernays in Wandsbek bei Hamburg. Kleine Geschenke an sie zeigt das Museum bis heute, etwa ein Juwelierschächtelchen mit Widmung.
1891 zog die Familie in die Berggasse 19, und Freud richtete im selben Haus seine Ordination ein. Sigmund und Martha Freud hatten sechs Kinder. Das jüngste, Anna, kam 1895 zur Welt und wurde später selbst Psychoanalytikerin. Auch ihre Ordination lag in der Berggasse.

Ein Sommer auf dem Cobenzl und das Buch über Träume
Den entscheidenden Einfall zu seiner Traumlehre hatte Freud nach eigener Aussage aber nicht in der Berggasse, sondern hoch über Grinzing. Im Sommer 1895 wohnte die Familie im Schloss Bellevue, einem Haus auf der Bellevuehöhe gleich neben dem Cobenzl. Dort beschäftigte ihn ein eigener Traum, der später als Traum von „Irmas Injektion“ bekannt wurde. Im Juni 1900 fragte er in einem Brief an Wilhelm Fließ, ob an diesem Haus wohl eines Tages auf einer Marmortafel zu lesen sein werde: „Hier enthüllte sich am 24. Juli 1895 dem Dr. Sigm. Freud das Geheimnis des Traumes“. Die Aussichten darauf, fügte er hinzu, seien bis jetzt gering.
Das Buch zu seiner Entdeckung war damals schon erschienen. „Die Traumdeutung“ kam am 4. November 1899 heraus, auf dem Titelblatt stand aber bereits die Jahreszahl 1900. Die erste Auflage hatte 600 Exemplare.
Mittwochabende im Wartezimmer
Im Herbst 1902 schickte Freud Postkarten an vier Kollegen: Alfred Adler, Max Kahane, Rudolf Reitler und Wilhelm Stekel. Er lud sie ein, in kleiner Runde über psychoanalytische Fragen zu sprechen. Man traf sich jeden Mittwoch um halb neun Uhr abends im Wartezimmer seiner Ordination, an einem langen Tisch, bei schwarzem Kaffee und Kuchen. Ab 1906 führte Otto Rank Protokoll. Aus der „Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft“ wurde am 8. April 1908 die Wiener Psychoanalytische Vereinigung. Später zerstritt sich Freud mit Adler, und es entstanden getrennte Vereinigungen.
1902, im Jahr der ersten Mittwochabende, wurde Freud auch außerordentlicher Professor, 17 Jahre nach seiner Habilitation. Seine Schriften wurden in viele Sprachen übersetzt. Das Museum zeigt etwa eine brasilianische Ausgabe von „Totem und Tabu“. Arthur Schnitzler, in dem er eine Art Doppelgänger sah, mied er lange. Erst 1922 lud er ihn mit einem Brief zum Abendessen in die Berggasse ein. 1923 erkrankte Freud an Gaumenkrebs. Am 12. Oktober 1923 wurde er operiert, mehr als 50 weitere Eingriffe folgten.
1938: Der Abschied von der Berggasse
Am 13. März 1938 wurde Österreich an das Deutsche Reich angeschlossen. Zwei Tage später flog Ernest Jones nach Wien, um Freud zur Ausreise nach Großbritannien zu bewegen. Am 22. März verhaftete die Gestapo Anna Freud und verhörte sie. Danach war Freud bereit zu gehen. Unterdessen nahmen ihm die neuen Machthaber über den Internationalen Psychoanalytischen Verlag fast sein ganzes Geld. Marie Bonaparte, bei der die Familie später in Paris unterkam, stellte das Geld bereit, mit dem die Ausreisepapiere schließlich unterschrieben wurden.

Noch vor der Flucht fotografierte Edmund Engelman die Räume. Seine Bilder zeigen, wie es in der Berggasse aussah, bevor die Möbel verpackt wurden. Nach der Abfahrt am 4. Juni kam Freud am 5. Juni in Paris an, am 6. Juni am Londoner Bahnhof Victoria, wo ihn Ernest Jones empfing. Ab September 1938 lebte die Familie in 20 Maresfield Gardens in Hampstead. Dort starb Sigmund Freud am 23. September 1939. Bei der Trauerfeier im Krematorium Golders Green sprach unter anderen Stefan Zweig.

Vier seiner fünf Schwestern lebten 1938 in Wien und kamen nicht mehr hinaus. Sie wurden aus ihren Wohnungen vertrieben und beraubt. 1942 deportierten die Nationalsozialisten sie aus dem Altersheim in der Seegasse nach Theresienstadt. Adolfine Freud starb dort, Rosa Graf, Pauline Winternitz und Maria Freud wurden in Treblinka ermordet. Davon erzählt die Sonderausstellung „Der Fall Freud. Dokumente des Unrechts“, die bis 5. April 2027 verlängert ist.
Zwei Gedenktafeln und ein leerer Platz
Am 6. Mai 1954, an dem Tag, an dem Freud 98 geworden wäre, wurde an der Berggasse 19 eine Gedenktafel enthüllt. Seit 1971 gibt es das Museum in seinen früheren Wohn- und Arbeitsräumen. Anna Freud unterstützte die Gründung und gab die Möbel des Wartezimmers aus London zurück. Die berühmte Couch steht dagegen in London, im Arbeitszimmer des Freud Museum in Maresfield Gardens. In der Berggasse bleibt ihr Platz bewusst leer, nur auf dem Handy erscheint sie dort virtuell.
Und hoch über Grinzing gibt es inzwischen die Tafel, die Freud 1900 für so unwahrscheinlich hielt. Am 6. Mai 1977 stellte die Sigmund Freud-Gesellschaft auf der Bellevuehöhe einen Gedenkstein auf, mit genau dem Satz aus seinem Brief. Das Schloss Bellevue selbst steht nicht mehr, es wurde wegen Baufälligkeit abgetragen. Die Tafel steht heute auf einer Wiese neben einem Parkplatz. So erinnert in Wien heute eine Tafel an das Haus, das Freud 1938 verlassen musste, und eine zweite an ein Haus, das es gar nicht mehr gibt.
Sigmund Freud Museum · Berggasse 19, 1090 Wien. Geöffnet Mittwoch bis Montag und an Feiertagen 10 bis 18 Uhr, dienstags geschlossen.
Quellen und Links
- Pester Lloyd, 5. Juni 1938: Abreise Professor Freuds aus Wien (ANNO)
- Wikipedia: Sigmund Freud
- Wikipedia (en): Sigmund Freud
- Wien Geschichte Wiki: Sigmund Freud
- Wien Geschichte Wiki: Denkmal Sigmund Freud (Himmelstraße)
- Wien Geschichte Wiki: Bellevue
- Wikipedia: Die Traumdeutung
- Wikipedia: Psychologische Mittwoch-Gesellschaft
- Sigmund Freud Museum
- Sigmund Freud Museum: Über uns
- Sigmund Freud Museum: Dauerausstellung „Freud, Berggasse 19“
- Sigmund Freud Museum: Der Fall Freud. Dokumente des Unrechts
- Freud Museum London: About us
- Kulturpool: Sigmund Freud, 1930er-Jahre
- Kulturpool: Silberhochzeit in der Berggasse 19, 1911
- Kulturpool: Inventar der Wohnung Berggasse 19, 1938
- Kulturpool: Sigmund Freud in London 1938
- Sigmund Freud Museum: Everyday Life in Exile (Abreise im Orient-Express)
- Library of Congress: Freud’s Last Days in Vienna
- Freud an Max Eitingon, 6. Juni 1938 (Projekt Gutenberg)
Mehr auf immuseum.at
- Sigmund Freud Museum Wien
- Wo steht Freuds Couch? Die Leerstelle im Sigmund Freud Museum
- Eine Tapete, die es nie gab: das Wartezimmer im Sigmund Freud Museum
- „Totem und Tabu“ im Sigmund Freud Museum
- „Meinem lieben Martchen“: ein Juwelierschächtelchen im Sigmund Freud Museum
- Freuds Brief an Schnitzler von 1922
- Namensschilder um den Hals: ein Foto vom Kindertransport 1938
- Bertha von Suttner: „Die Waffen nieder!“ und der Friedenskongress, der 1914 ausfiel
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