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Karl-Marx-Hof in Wien: Der Wohnbau, auf den 1934 Kanonen schossen

Am 12. Oktober 1930 eröffnete Bürgermeister Seitz den Karl-Marx-Hof und spottete über Gegner, die seinen Einsturz vorhergesagt hatten. Dreieinhalb Jahre später schoss das Bundesheer mit Artillerie auf den Bau.

Karl-Marx-Hof in Wien: Der Wohnbau, auf den 1934 Kanonen schossen
Karl-Marx-Hof, 1930, WIFAR – Wiener Filmarchiv der Arbeiterbewegung · Public Domain, via Kulturpool

Am Sonntag, dem 12. Oktober 1930, ziehen Zehntausende Wienerinnen und Wiener hinaus nach Heiligenstadt. An der Heiligenstädter Straße hat die Gemeinde einen Wohnbau fertiggestellt, der über einen Kilometer lang ist, und Bürgermeister Karl Seitz soll ihn eröffnen. Er wird mit Jubel empfangen. Dann erlaubt er sich einen Seitenhieb: Er bedaure aufrichtig, dass nun 1.400 Wiener Familien in einen Bau einziehen müssten, der „von Rechts wegen zusammengestürzt sein sollte“. So berichtete es am nächsten Tag Das Kleine Blatt.

Der Bau ist der Karl-Marx-Hof, der bekannteste Gemeindebau Wiens und Wahrzeichen des Roten Wien. Der Spott des Bürgermeisters galt der Opposition: Die christlichsoziale Reichspost hatte schon 1927 in einer Extraausgabe vor Einsturzgefahr gewarnt. Anlass war der Baugrund: Er ist ein zugeschütteter Donauarm, deshalb steht der Hof auf Pfählen. Der Hof stürzte nicht ein, nur ein Seitenflügel senkte sich geringfügig. Dreieinhalb Jahre später, im Februar 1934, beschoss aber das österreichische Bundesheer genau dieses Haus mit Artillerie. Wie wurde aus einer Wohnanlage ein Ziel für Kanonen?

Wohnungen aus Steuergeld

Die Antwort beginnt beim Roten Wien. So nennt man die Jahre von 1919 bis 1934, in denen die Sozialdemokraten Wien mit absoluter Mehrheit regierten. Sie übernahmen eine Stadt mit großer Wohnungsnot: Schon vor dem Ersten Weltkrieg lebten viele ärmere Wienerinnen und Wiener in überbelegten Wohnungen ohne Wasser, ohne Toilette, ohne Licht. Die Ärmsten mieteten als Bettgeher nur einen Schlafplatz für ein paar Stunden am Tag. Die meisten Häuser gehörten privaten Eigentümern, und die Miete richtete sich danach, was sich verdienen ließ.

Die Stadt wollte selbst bauen, und dafür brauchte sie Geld. Weil Wien seit 1922 ein eigenes Bundesland war, durfte es eigene Steuern einheben. Finanzstadtrat Hugo Breitner setzte 1923 eine Wohnbausteuer durch, gestaffelt nach der Größe der Wohnung: Für eine kleine Arbeiterwohnung waren 2,1 Prozent fällig, für Luxuswohnungen bis zu 36,6 Prozent. Sie deckte rund ein Drittel der Baukosten, den Rest zahlte die Stadt aus dem Budget. Die christlichsoziale Opposition bekämpfte die Steuer scharf. Gebaut wurde trotzdem: Bis Ende 1933 entstanden 61.617 Gemeindewohnungen, zuletzt lebten rund elf Prozent der Wiener Bevölkerung in einer.

Porträt des Wiener Finanzstadtrats Hugo Breitner
Hugo Breitner, Finanzstadtrat des Roten Wien. – Bild: WIFAR – Wiener Filmarchiv der Arbeiterbewegung, Public Domain, via Kulturpool

Den Karl-Marx-Hof beschloss der Gemeinderat 1927, geplant hat ihn der Stadtbaubeamte Karl Ehn, ein Schüler von Otto Wagner. In die ursprünglich 1.382 Wohnungen zogen rund 5.000 Menschen. Jede hatte eine eigene Toilette und Wasser, ein Bad aber nicht. Stattdessen gab es in den Höfen zwei Badeanstalten, zwei Zentralwäschereien, Kindergärten und eine Zahnklinik. Wie die Anlage gebaut ist, zeigt das Modell des Karl-Marx-Hofs im Architekturzentrum Wien.

Blick in eine Durchfahrt des Karl-Marx-Hofs, um 1930
Martin Gerlach jun., Karl-Marx-Hof, Blick in eine Durchfahrtsstraße, um 1930. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Drei Tage im Februar

Während die ersten Mieterinnen und Mieter einzogen, verschärfte sich der Streit zwischen der Bundesregierung und den Sozialdemokraten. Diese unterhielten seit 1924 eine eigene bewaffnete Truppe, den Republikanischen Schutzbund. Auf der Gegenseite stand die Heimwehr, ein bewaffneter bürgerlicher Verband, der mit der Regierung verbündet war. Im März 1933 traten nach einer umstrittenen Abstimmung alle drei Präsidenten des Nationalrats zurück. Bundeskanzler Engelbert Dollfuß (Christlichsoziale Partei) nutzte die Krise, ließ die Polizei verhindern, dass das Parlament wieder zusammentrat, und regierte fortan mit Notverordnungen. Damit verbot er Ende März den Schutzbund, die Heimwehr nicht, und entzog der Stadt Wien mehr als 100 Millionen Schilling.

Am Morgen des 12. Februar 1934, einem Montag, durchsuchte die Polizei in Linz ein sozialdemokratisches Parteiheim nach Waffen, dabei kam es zu Schießereien. In Wien riefen die Sozialdemokraten den Generalstreik aus. Die Regierung verhängte das Standrecht und ließ Bürgermeister Seitz verhaften. Die Schutzbündler verschanzten sich vor allem in Gemeindebauten und Arbeiterheimen, einer der wichtigsten Orte war der Karl-Marx-Hof. Ein erster Versuch der Polizei, ihn zu besetzen, scheiterte. Am Abend rückten Bundesheer und Einheiten der Heimwehr an, ein Bataillon kommandierte Karl Biedermann. Ab der Nacht auf den 13. Februar schoss Artillerie auf den Hof, laut dem Neuen Wiener Tagblatt von der Hohen Warte aus. Am Vormittag des 15. Februar zogen sich die letzten Verteidiger zurück. In einer der Wohnungen stand damals ein Pokal des Fußballtrainers Hugo Meisl, er trägt bis heute ein Einschussloch.

Albumseite mit Fotos aus Wien im Februar 1934, darunter der Karl-Marx-Hof
Aus einem Fotoalbum von 1933–1935: Aufnahmen aus Wien im Februar 1934, laut Albumtitel auch vom Karl-Marx-Hof. – Bild: Sigmund Freud Museum, Dokumentarchiv, CC0, via Kulturpool

In ganz Österreich forderten die Februarkämpfe mehrere Hundert Tote. Standgerichte ließen Schutzbündler hinrichten, die Sozialdemokratische Partei wurde aufgelöst, der Gemeinderat ebenso. Das Wohnbauprogramm des Roten Wien endete.

Festung oder Wohnhaus?

Für die Sieger war schnell klar, was die Gemeindebauten gewesen seien. Die Reichspost schrieb am 15. Februar 1934, die Häuser seien „aus Bürgergeldern zu Festungen“ gemacht worden, in planmäßigen, jahrelangen Bauten. Der Historiker Werner T. Bauer, Kurator der Ausstellungen im Waschsalon, hält diesen Vorwurf für Gräuelpropaganda: Am Karl-Marx-Hof seien Elemente der Palastarchitektur verwirklicht, die großen Höfe erinnerten eher an Klosterhöfe. Beides gehört zur Geschichte: gebaut als Wohnanlage, im Februar 1934 von Schutzbündlern als Stellung genutzt.

Die neuen Machthaber benannten den Hof nach Karl Biedermann, der die Eroberung mit angeführt hatte: Biedermannhof. 1935 hieß er dann Heiligenstädter Hof, aus dem Karl-Marx-Platz davor wurde der Heiligenstädter Platz.

Notkirche im Heiligenstädter Hof, wie der Karl-Marx-Hof ab 1935 hieß
Martin Gerlach jun., Notkirche im „Heiligenstädter Hof“, wie der Karl-Marx-Hof ab 1935 hieß, 1934–1937. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Die Steine, die sprechen sollten

Nach dem Krieg bekam der Hof seinen alten Namen zurück, heute steht er unter Denkmalschutz. Der Platz vor dem Hof heißt seit 1985 12.-Februar-Platz. Seit Juni 2026 erinnert eine Tafel auch an die 212 jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner, die nach dem „Anschluss“ 1938 den Hof verlassen mussten; 46 von ihnen wurden ermordet. Im Waschsalon Nr. 2, in dessen Erdgeschoss bis heute Wäsche gewaschen wird, zeigt seit 2010 eine Ausstellung die Geschichte des Roten Wien, derzeit auch die Sonderausstellung „Auch für Nichtschwimmer“ über die Bäder der Stadt (bis 5. September 2027).

Bei der Eröffnung 1930 soll Karl Seitz auch gesagt haben: „Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen.“ Der Bau, der nach Meinung seiner Gegner einstürzen sollte, steht bis heute. Und seine Steine erzählen beides: von den Wohnungen mit eigenem Wasser und eigener Toilette, und von den drei Tagen im Februar, an denen auf sie geschossen wurde.

Die Höfe und Durchgänge des Karl-Marx-Hofs sind frei zugänglich. Das Museum Das Rote Wien im Waschsalon Karl-Marx-Hof hat donnerstags von 13 bis 18 Uhr und sonntags von 12 bis 16 Uhr geöffnet, sonntags um 13 Uhr gibt es eine offene Führung. Anreise mit der U4 bis Heiligenstadt oder mit der Straßenbahnlinie D bis Halteraugasse.

Karl-Marx-Hof, Heiligenstädter Straße 82–92, 1190 Wien · Museum im Waschsalon Nr. 2: Halteraugasse 7, 1190 Wien

Quellen und Links

Quellen

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