Am Freitag, dem 7. August 1908, grub der Arbeiter Johann Veran im Löss bei Willendorf in der Wachau, als er auf eine kleine Steinfigur stieß. Josef Szombathy, Kustos am Naturhistorischen Hofmuseum in Wien, stand ihm am nächsten und sah sie als Erster. Er zeigte sie dem jungen Prähistoriker Josef Bayer und fotografierte sie. Hugo Obermaier, der die Grabung vor Ort führte, arbeitete weiter westlich und hörte erst am Abend davon. Der Fund war elf Zentimeter hoch, aus Kalkstein, eine nackte, füllige Frau ohne Gesicht.
Heute liegt die Venus von Willendorf in Wien, im Naturhistorischen Museum am Maria-Theresien-Platz. Sie hat dort ein eigenes Venuskabinett, das man über Saal 11 der Urgeschichte im Hochparterre betritt. Rund 29.500 Jahre ist sie alt, der damalige Generaldirektor Christian Köberl nannte sie 2015 die „Mona Lisa“ des Hauses. Wie sie dorthin kam, ist eine Geschichte von Streit, einem geliehenen Namen und einem Stein, der nicht aus der Wachau stammt.
Ein Augustmorgen, nachträglich erzählt
Dass im Löss von Willendorf Spuren aus der Steinzeit steckten, wusste man in Wien lange vor 1908. Schon 1889 berichtete Szombathy von geschenkten Steinwerkzeugen und Knochen von dort. Im Frühjahr 1908 kamen beim Bau der Bahnstrecke Krems–Grein steinzeitliche Feuerstellen zum Vorschein. Das Hofmuseum ließ systematisch graben, unter Szombathys Leitung, ausgeführt von Obermaier und Bayer.

Ausführlich berichteten die Wiener Zeitungen im Februar 1910. Im Neuen Wiener Tagblatt erzählte Bayer vom herrlichen Augustmorgen, an dem die Figur „nach vieltausendjährigem Schlaf die sonnenhelle Wachau wiedersah“. In seiner Fassung war sie in Szombathys und seiner unmittelbaren Gegenwart gehoben worden, etwa 25 Zentimeter unter einer Aschenschicht. Wer in welchem Maß an der Auffindung beteiligt war, wurde in den folgenden Jahren heftig diskutiert, schreibt das Museum heute. Die Prähistorikerin Walpurga Antl-Weiser hat die Tagebücher später neu gelesen. Nach ihrer Auswertung holte der Arbeiter Veran die Figur aus der Erde.
Nüchterner klang die Arbeiter-Zeitung vier Tage nach dem Tagblatt. Sie beschrieb ein Kalksteinfigürchen, das „den Körper eines unbekleideten dicken Weibes darstellt“, offenbar ein Symbol der Fruchtbarkeit, mit Spuren roter Bemalung.
Wo die Venus von Willendorf heute liegt
Den Namen hatte ihr Szombathy mitgegeben: Unter dem Titel „Venus von Willendorf“ stellte er sie in Wien vor, berichtete das Tagblatt. Mit der römischen Liebesgöttin hat die Figur nichts zu tun. Sie ist mehr als 25.000 Jahre älter als Rom.
Lange galt sie als rund 25.000 Jahre alt, so hatte man in den 1950er-Jahren datiert. 2015 machte ein internationales Forschungsprojekt sie um etwa 4.500 Jahre älter. Proben aus neuen Grabungen am Willendorfer Lössprofil, gewonnen zwischen 2006 und 2011, ergaben rund 29.500 Jahre. Im selben Herbst bekam sie eine neue Bleibe: Seit die urgeschichtlichen Säle am 30. September 2015 wieder öffneten, steht sie in ihrem eigenen Kabinett. Dort ist auch die rund 36.000 Jahre alte „Fanny“ vom Galgenberg bei Stratzing zu sehen. Ursprünglich war die Venus ganz mit Rötel überzogen. Reste davon sitzen noch in den Vertiefungen ihrer Frisur.

Auch Egon Schiele beschäftigte die kleine Figur. 1918 entwarf er eine Wanddekoration für sein Atelier in der Wattmanngasse in Hietzing, die Venus von Willendorf steht im Titel des Blatts. Am 5. Juli war er dort eingezogen, am 31. Oktober starb er an der Spanischen Grippe. Der Entwurf gehört heute dem Wien Museum.
Zu nackt für Facebook
Im Dezember 2017 stellte die Künstlerin und Aktivistin Laura Ghianda ein Foto der Venus auf Facebook. Die Plattform entfernte es als unangemessen, auch nach vier Einsprüchen. Im Jänner 2018 meldete sich das Museum zu Wort: „die Venus muss nackt bleiben dürfen!“ Köberl ließ wissen, es habe noch nie eine Beschwerde von Besuchern über ihre Nacktheit gegeben. Facebook entschuldigte sich schließlich. Die Arbeiter-Zeitung hatte 1910 kein Problem damit gehabt, sie als unbekleidetes dickes Weib zu beschreiben.
Ein Stein von jenseits der Alpen
2022 schaute ein Team um den Anthropologen Gerhard Weber von der Universität Wien in die Figur hinein, mit einem Mikro-Computertomografen. Mit dabei waren die NHM-Geologen Alexander Lukeneder und Mathias Harzhauser. Die Venus ist aus Oolith geschnitzt, einem Kalkstein aus winzigen Kügelchen, der in flachen tropischen Meeren entsteht und rund um Willendorf nicht vorkommt. Winzige Schalenreste im Inneren datieren das Gestein auf etwa 150 Millionen Jahre.
Die Geologen verglichen Proben von Frankreich bis in die Ukraine und von Deutschland bis Sizilien. Am besten passte ein Vorkommen in Norditalien, bei Sega di Ala nahe dem Gardasee. Ein zweiter, weniger wahrscheinlicher Kandidat liegt in der Ostukraine. Von Sega di Ala nach Willendorf führt ein Weg von rund 730 Kilometern entlang Etsch, Inn und Donau. Die Menschen damals zogen weiter, wenn sich Klima oder Beutetiere änderten, erklärte Weber.
So ist die Venus von Willendorf eine Zugereiste. Gefunden wurde sie in der Wachau, wenige Kilometer von der Burgruine Aggstein und donauaufwärts von Dürnstein. Geschnitzt aber wurde sie sehr wahrscheinlich aus einem Stein von südlich der Alpen. Und der Name, den Szombathy ihr gab, kommt aus Rom. Ohne es wissen zu können, hatte er ihr einen Namen aus derselben Himmelsrichtung gegeben, aus der ihr Stein kam.
Mehr aus dem Naturhistorischen Museum: die Experimente mit einer Fibel und einem Scheiterhaufen, ein Lemurenschädel mit falschen Augenbrauen und die verborgene Kunst im Naturhistorischen Museum Wien.
Die Venus von Willendorf ist im Naturhistorischen Museum Wien zu sehen, im Venuskabinett, das man über Saal 11 im Hochparterre erreicht. Öffnungszeiten und Eintritt stehen auf nhm.at.
Naturhistorisches Museum Wien · Maria-Theresien-Platz, 1010 Wien (barrierefreier Eingang Burgring 7)
Shownotes
- Neues Wiener Tagblatt, 4. Februar 1910: Josef Bayer über die „Venus von Willendorf“, S. 1–2 (ANNO)
- Arbeiter-Zeitung, 8. Februar 1910: „Die Venus von Willendorf“, S. 6 (ANNO)
- Walpurga Antl-Weiser: The anthropomorphic figurines from Willendorf (Wissenschaftliche Mitteilungen Niederösterreichisches Landesmuseum)
- NHM Wien: Pressemappe Fototermin Venus von Willendorf, September 2015
- NHM Wien: Pressemappe zur Neuaufstellung der Prähistorie, 2015
- NHM Wien: Venus of Willendorf (Top 10)
- NHM Wien / idw: Herkunft des Steins der Venus von Willendorf, Februar 2022
- Weber u. a.: The microstructure and the origin of the Venus from Willendorf, Scientific Reports 2022
- The Art Newspaper, 27. Februar 2018: Facebook und die Venus
- futurezone, 28. Februar 2018: Facebook löscht Foto der Venus von Willendorf
- futurezone: Zensurierte Venus – Facebook entschuldigt sich
- Wien Geschichte Wiki: Egon Schiele
- Wikipedia: Venus von Willendorf
- Kulturpool: Anthropomorphe Steinfigur – „Venus von Willendorf“, NHM Wien
- Kulturpool: Egon Schiele, Entwurf für eine Wanddekoration im Atelier Wattmanngasse, Wien Museum
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