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November 4, 2026
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Glücksbringer zu Neujahr: Rauchfangkehrer, Glücksschwein und die Karte gegen Gratulanten

Zu Silvester 1830 druckte die Wiener Zeitung seitenweise Namen von Menschen, die sich vom Neujahrsgratulieren freigekauft hatten. Eine Geschichte über Glücksbringer, Rauchfangkehrer und das Trinkgeld an der Tür.

Glücksbringer zu Neujahr: Rauchfangkehrer, Glücksschwein und die Karte gegen Gratulanten
Franz Kollarz (Entwurf), J. Rauh (Verlag), Enthebungskarte für das Jahr 1849, 1848, MAK – Museum für angewandte Kunst · Public Domain, via Kulturpool

Am Freitag, dem 31. Dezember 1830, stand auf den hinteren Seiten der Wiener Zeitung das „vierzehnte Verzeichnis der Individuen, welche Enthebungskarten vom Glückwünschen“ gelöst hatten: Grafen, eine Exzellenz, Offiziere, ein Stadtbaumeister, ein Kaffeehausinhaber, oft „sammt Frau und Familie“. Wer hier mit Namen stand, hatte bezahlt, um am Neujahrstag in Ruhe gelassen zu werden. Er musste niemandem gratulieren, und eine Karte an der Wohnungstür sollte jene fernhalten, die ihm Glück wünschen wollten. Das Geld ging an die Armen der Stadt.

Heute schenkt man sich zu Silvester Glücksbringer: kleine Rauchfangkehrer, Marzipanschweinchen, Kleeblätter. Im Wien des 19. Jahrhunderts war das Glückwünschen ein Geschäft, und zahlen mussten die Beglückwünschten. Und ausgerechnet die Rauchfangkehrer, die heute als Figürchen verschenkt werden, standen damals selbst vor der Tür und hielten die Hand auf.

Freikaufen vom Gratulieren

Wie die Enthebungskarten funktionierten, hatte die Wiener Zeitung am 11. Dezember 1830 erklärt. Schon im Vorjahr hätten mehrere Wiener Pfarren nach dem Beispiel anderer Städte der Monarchie solche Karten ausgegeben, und der Ertrag sei den Armen zugutegekommen. Damit auch in diesem Winter geholfen werden konnte, ließ die niederösterreichische Landesregierung nun alle Pfarrer der Stadt und der Vorstädte mit den Karten beliefern. Jede und jeder konnte eine Karte für 30 Kreuzer lösen, wer mehr gab, war willkommen. Die Namen der Käufer sollten Pfarre für Pfarre in der Wiener Zeitung erscheinen, damit jeder nachlesen konnte, wer gespendet hatte. Ähnlich hielt man es auf dem Land: Im Markt Himberg südlich der Stadt hätten sich Geistlichkeit, Honoratioren und die meisten Bürger „durch milde Gaben von dem Glückwünschen“ losgesagt, meldete die Wiener Zeitung am 31. Dezember; vom Geld kaufte man Brennholz für die Armen des Ortes.

Warum zahlte man dafür, keine Glückwünsche zu bekommen? Weil ein Neujahrswunsch selten umsonst war. Schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts war das Neujahrsschenken für viele Wienerinnen und Wiener zur Belastung geworden, niedere Beamte rechneten die Neujahrsgaben fest zu ihrem Einkommen. Gratuliert wurde von unten nach oben: Wer einem Haushalt das Jahr über einen Dienst erwiesen hatte, kam am 1. Jänner vorbei, sagte seinen Wunsch auf und bekam dafür ein Trinkgeld. Unter Bekannten wiederum galt der persönliche Besuch als Pflicht, die man im 19. Jahrhundert abkürzte, indem man Diener Glückwunschbillets überbringen ließ. Die Enthebungskarte erledigte beides auf einmal, die Pflicht und die Gratulanten, und tat dabei noch etwas Gutes. In Wien, Prag, München und vielen Tiroler Orten wurden sie zum festen Teil des Jahreswechsels; das MAK besitzt Wiener Karten aus den Jahren 1836, 1847 und 1848, darunter eine „Enthebungskarte von Glückwünschen zum neuen Jahre 1849“, gedruckt Ende 1848.

Löschenkohl, Das Neujahrsfest in Wien, 1782
Johann Hieronymus Löschenkohl, „Das Neue Jahrsfest in Wienn. Ano 1782“, Kupferstich. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Wer an der Tür klingelte

Wie lang die Reihe war, zählten die Wiener Neuesten Nachrichten am 31. Dezember 1894 auf: „Am Neujahrstag hat die Klingel viel Arbeit.“ Es kamen die Köchin, das Stubenmädchen, der Bediente, der Laufbursche, der Hausmeister, die Wäscherin, der Bäckerjunge, die Zeitungsträgerin – und der Rauchfangkehrer. Das Illustrirte Wiener Extrablatt spottete schon 1877, wie aufrichtig es der Laternanzünder zu Neujahr mit dem Glück seiner Kunden meine und wie ängstlich der Rauchfangkehrer um ihre Gesundheit besorgt sei.

Noch 1913 beschrieb die Zeitschrift Wiener Hausfrau den Ablauf: zuerst der Hausbesorger, dann Milchmann, Bäcker und Fleischhauer, dann die Briefträger mit dem „Postbüchl“, einem kleinen Kalender. Zum Schluss kam der Rauchfangkehrer. Er überreichte ein bemaltes Blatt mit Kalender und einem Gedicht, „das schlechte Reime hat“.

Rauchfangkehrer aus der Serie Wiener Typen, 1877/78
Leopold Bachrich und Johann Knizek, „Wiener Typen“, Nr. 6: „Rauchfangkehrer“, 1877/78. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Warum der Rauchfangkehrer Glück bringt

Dass man den Rauchfangkehrer für einen Glücksbringer hielt, half ihm beim Kassieren: Wer wollte an Neujahr ausgerechnet dem Glück die Tür weisen? Woher dieser Ruf kommt, weiß allerdings niemand genau. Die naheliegende Erklärung lautet: Ein sauberer Rauchfang zieht gut und fängt kein Feuer, wer den Rauchfangkehrer im Haus hat, ist vor Brand und Kälte sicher. Das klingt einleuchtend, belegt ist es nicht. Ebenso gut kann es umgekehrt gewesen sein: Wer jedes Jahr mit Glückwünschen vor der Tür steht, wird irgendwann selbst zum Glückszeichen. Das Gratulieren haben sie bis heute behalten: Jedes Jahr im Jänner überbringen Rauchfangkehrer etwa im Grazer Landhaus oder im Kremser Rathaus ihre Neujahrswünsche.

Ähnlich offen ist die Sache beim Glücksschwein. Das Volkskundemuseum Wien schreibt im Text zu seiner Glücksbringer-Ausstellung von 2018, die Herkunft lasse sich „nicht völlig“ klären. Es gibt nur Hinweise: Für Bauern bedeutete ein Schwein, im Herbst geschlachtet und haltbar gemacht, Essen für Monate, auf dem Ass der deutschen Spielkarten ist oft eine Sau zu sehen, und wer Glück hat, hat eben „Schwein“. Spätestens im 19. Jahrhundert gehörte das Schwein jedenfalls zu den Neujahrsgaben. In der Sammlung des Museums sitzt es auf vierblättrigen Kleeblättern, steht neben Fliegenpilzen, und auf einer Metallfigur um 1900 reitet ein Rauchfangkehrer darauf. Das Hufeisen soll für das Pferd stehen und damit für Wohlstand, denn ein Pferd war viel wert. Zum vierblättrigen Kleeblatt gibt es eine hübsche Legende: Eva soll eines aus dem Paradies mitgenommen haben.

Egon Schiele, Postkarte der Wiener Werkstätte Nr. 745: Mädchen mit weißem Kleid und Hut führt zwei Schweinchen an der Leine, darüber „Prosit Neujahr!“
Egon Schiele, Postkarte Nr. 745 der Wiener Werkstätte: Prosit Neujahr!, 1910. – Bild: Albertina, gemeinfrei, via Kulturpool

Als im 19. Jahrhundert neue Drucktechniken Neujahrskarten in großen Mengen möglich machten, wanderten die Glücksbringer aufs Papier. Um 1900 zeichneten auch Wiener Künstler solche Karten, für die Postkarten der Wiener Werkstätte etwa der junge Egon Schiele.

Richard Teschner, Neujahrskarte Prosit Neujahr, um 1915
Richard Teschner (Entwurf), „Prosit Neujahr“, Neujahrskarte, um 1915, gedruckt bei Chwala's Druck, Wien. – Bild: MAK – Museum für angewandte Kunst, gemeinfrei, via Kulturpool

Vom Freikaufen zum Kulturerbe

Die Enthebungskarte verschwand im 20. Jahrhundert, in Tirol kam sie zurück: Hall in Tirol führte sie 1986 wieder ein, nach einer Pause gibt es sie dort seit 2018 erneut. 2024 nahm die Österreichische UNESCO-Kommission die „Praxis der Neujahrs-Entschuldigungskarte Hall in Tirol“ in das österreichische Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes auf. Der Brauch, mit dem man sich 1830 vom Gratulieren freikaufte, ist selbst Kulturerbe geworden. Und die Wiener, die sich zu Silvester 1830 freigekauft haben, stehen bis heute mit Namen in der Wiener Zeitung.

MAK – Museum für angewandte Kunst, Stubenring 5, 1010 Wien

Quellen und Links

Quellen

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